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Frust nach der Anhörung

02.06.2007 | Landrätin Zitzmann und Bernd Büttner brachten Bedenken vor.
Um die 380 kV-Leitung ging es am Donnerstag in einer Anhörung im Thüringer Landtag. Dabei waren auch Vertreter aus dem Landkreis Sonneberg.

SONNEBERG/ERFURT – Die Geduld von rund 300 Bürgern – Betroffene und Vertreter von Bürgerinitiativen – wurde am Donnerstag arg strapaziert. Rund sieben Stunden verfolgten sie im Thüringer Landtag die von der CDU-Fraktion im Ausschuss für Bau und Verkehr beantragte Anhörungsrunde. „Feststellung der energiewirtschaftlichen und versorgungsseitigen Notwendigkeit der 380 kV-Südwestkuppelleitung für die Abschnitte Vieselbach-Altenfeld und Altenfeld-Redwitz“ lautete der Tagesordnungspunkt.

Dabei kamen in der etwa 30 Positionen umfassenden Rednerliste Landräte, Bürgermeister, Planungsverbände, Tourismusorganisationen und Interessengemeinschaften als Sprecher/Vertreter von der geplanten Leitungsführung und ihrer Folgen betroffener Kommunen und Kreise zu Wort. In von vornherein zeitlich beschränkter Redezeit war ihnen Gelegenheit gegeben, Bedenken und Anregungen sachlich begründet vorzutragen und bei den Ausschussmitgliedern auftretende Fragen direkt zu beantworten.

In einer zweiten Runde kamen die Sprecher der Planer, Naturschutzverbände, Gutachter, Ministerien bis hin zur Europäischen Kommission zu Wort. Die Ausschusssitzung war gleichzei-tig ein Forum für die Verantwortlichen der Berliner Deutschen Energie-Agentur (DENA-Studie), Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas usw. (Bonn), Verband der Elektrizitätswirt-schaft Thüringen (Erfurt), Bundesverband Windenergie (Osnabrück), Universitätsprofessoren und schließlich der federführenden Versorgerfirmen E.ON Thüringer Energie (Erfurt) und Vattenfall Europe Transmission (Berlin) die versorgungstechnische Notwendigkeit – teilweise multimedial unterstützt – im Vortrag mitgebrachter Konzepte zu unterstreichen. Teilweise lagen dem Ausschuss zur Meinungsbildung erforderliche schriftliche Stellungnahmen vor.

Unter den interessierten Zuhörern im Rund des Plenarsaals befanden sich drei per Omnibus in die thüringische Landeshauptstadt angereiste Bürgerinitiativen aus dem Ilmkreis, der Umgebung Eisfelds und aus dem nicht minder betroffenen Coburger Land. Schnell wurde ihnen klar gemacht, dass sie – zur Enttäuschung der anwesenden Pressefotografen und Fernseh-teams – mitgeführte Transparente und Infotafeln „gegen die landschaftsverschandelnde Trasse“ im Bannkreis des Plenums nicht zeigen dürften. Ebenso hart waren die von der Ausschussvorsitzenden praktizierten „Thüringer Sitten“: Aufkommende Beifalls- oder Missfallensbekundung von den Zuschauerbänken wurde untersagt und sogar mit der Saalräumung bedroht.

Notwendigkeit nicht erwiesen

Wenn denn ein Leitungsbau durch Thüringen nicht vermeidbar ist, müssten von den Planern umweltverträgliche Korridore gefunden und genutzt werden, forderte Sonnebergs Landrätin Christine Zitzmann (CDU). Für sie „...ist die Notwendigkeit eines Neubaus bislang nicht nachgewiesen“, setzte sie hinzu. Grundsätzlich wandte sie sich gegen die Realisierung der vorgelegten Planungen, mit denen eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete durchschnitten werden soll. Unter gröblicher Missachtung der Schutzwürdigkeit von Flora und Faune, aber auch der unmittelbar von negativen Auswirkungen betroffener Menschen. Unter Hinweis auf das FFH-Gebiet Effelder Tal wies sie auf die anstehende Entwertung der Heimat hin; mit allen vorhersehbaren Auswirkungen auf die Bereiche Tourismus, Gastronomie und Land-/Forst-Wirtschaft.

Im Landkreis Hildburghausen setzen zwei Bürgerinitiativen den Planungen Kontra entgegen.

Landrat Thomas Müller wandte sich gegen die vorgesehenen Eingriffe in die gewachsene Kulturlandschaft. Nach Berechnungen müssten bei der Realisierung der jetzigen Planungen in der Region rund 120 Hektar Wald geopfert werden. Nicht hinnehmbar sei die Vernichtung des Vogelschutzgebietes Görsdorfer Heide wie der Verlust von fünf Hektar landwirtschaftlich genutzter Flächen für Umspannwerksbau bei Eisfeld. Von der Naturbühne oder vom 863 Meter hohen Blessberg aus falle der Besucherblick dann direkt auf die Stromtrasse mit teilweise mehr als 100 Meter hohen Masten in einer 120 Meter breiten Waldschneise gab der Landkreischef zu bedenken.

Die von den heimischen Vertretern vorgebrachten Bedenken und Ablehnungsgründe wieder-holten sich in nahezu allen folgenden Beiträgen. Was solle der Thüringer Wald als Naherho-lungsgebiet und Touristenziel noch alles verkraften? Nicht unabhängig nachgewiesen sei bisher die Notwendigkeit. Immer wieder kamen gesundheitliche Gefährdungsaspekte für die Bevölkerung ins Spiel. Die Trassen wurde als Objekt bezeichnet, das den Widerstand der Einwohner in Form von Bürgerinitiativen und Zusammenschlüssen geradezu herausfordere.

(Verbotenen) Beifall erhielt Niederwillingens Bürgermeister Ulrich Zillmer (Ilmtal), als er nach den Beweggründen zuständiger Politiker fragte, ein derartiges Projekt und eine damit verbundene Zerstörung heimischen Lebensraumes zuzulassen. Immer wieder kam der Vorschlag, mindestens in sensiblen Gebieten anstelle einer Freileitung die Erdverkabelung oder Leitungsführung im Tunnel ins Auge zu fassen. An das Argument höherer Kosten wollte keiner so recht glauben, zumal der genannte Aufwand von 200 Millionen Euro für 200 Kilometer Leitungsführung nach Ansicht eines Fachmanns nicht einmal die Materialkosten decken wird. Kritisiert wurde ebenso die mangelhafte Zusammenarbeit mit den verantwortlichen Stellen.

Für die raumordnerische Beurteilung sei eines unabhängiges Gutachten von Nöten, hieß es in den Stellungnahmen immer wieder. Auch die Befürchtung, dass es letztendlich gar nicht darum gehe, windkrafterzeugten Strom von der See nach Schweinfurt zu transportieren (warum nicht auf direktem Weg?), klang immer wieder durch. Das Spiel der Konzerne, billigen „Oststrom“ einzuspeisen und zu transportieren, läge direkt in der Luft.

Im Minimierungsprinzip der Belastungen für die Bevölkerung durch das betroffene Land for-cierte Dipl. Ing. Gerhard Heller (Koblenz) die Möglichkeit der Tunnelführung als Lösungsva-riante. Als Vertreter der Europäischen Union unterstützte Edgar Thielmann die These, erneuerbare Energien unter Einbindung der Windkraft auch im Zeichen der Umweltentlastung weiter zu fördern.

Vattenfall offerierte in seinem Erörterungsbeitrag das Konzept als allein gangbare Lösung. Behördenvertreter bezeichneten die Südwest-Kuppelleitung als energiewirtschaftlich notwendige Lösung.

Bauminister Andreas Trautvetter (CDU) schloss notwendige Eingriffe in Schutzgebiete nicht aus. Dafür müsse an anderen Stellen Ersatz geschaffen werden. „Wie kann sich ein Minister nur so zum Steigbügelhalter für die Stromriesen machen“, formulierte ein Zuhörer seinen sichtbaren Frust.

Quelle Freies Wort vom 02.06.2007 VON KLAUS OELZNER

 

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