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Die frohe Botschaft will ihr Publikum nicht recht erreichen

05.04.2007 | MASSERBERG – Man kann eine Stromtrasse ziemlich unterschiedlich betrachten. Durch den Wald soll nun eine Schneise geschlagen werden, 25 Kilometer lang, 250 Hektar werden dafür abgeholzt, laut Berechnungen des Forstamtes Schönbrunn. Bislang hieß diese Stromtrasse mit ihren bis zu 100 Meter hohen Masten Südwestkuppelleitung.

Im neuesten Prospekt hat der Bauherr, die Vattenfall Europe Transmission GmbH, nun seine poetische Ader entdeckt. Jetzt heißt die Trasse „Thüringer Strombrücke“, so als würde dem Land etwas Gutes getan. Es ist Dienstag abend und Vattenfall führt im Theatersaal der Masserberger Kurklinik einen mit musikalischem Weichspüler untermalten Film vor, in dem man viel weitläufige Natur, und inmitten dieser Natur ziemlich putzig wirkende Strommasten sieht. Die Masten erklimmen Männer mit stählernen, gebräunten Oberkörpern, sie tragen weiße ärmellose T-Shirts, man sieht sie als Schattenrisse vor einem makellosen Himmel, während der Sprecher aus dem Off sagt: „Früh am nächsten Morgen, der Sommer hat seinen Scheinwerfer aufgestellt...“. Das Filmchen soll vorführen, mit welch kühner Präzision in Hochgeschwindigkeit Strommasten errichtet werden – spürbar soll sich beim Zuschauer das Gefühl einstellen, Zeuge einer Art Pioniertat zu sein. Die mutigen muskulösen Männer stehen für Aufbruch, Fortschritt. Solche Männer, lautet die Botschaft, schenken Deutschland Wohlstand, Wärme, Licht – „ein Stück gewachsene Lebensqualität“, flötet der Sprecher aus dem Off.

Nur – die frohe Botschaft will ihr Publikum nicht recht erreichen. „Pfui, pfui. Wollt ihr uns verarschen?“, tönt es aus den Reihen blutroter Polstersessel im Masserberger Theatersaal. Kein Hang zur Poesie, nirgendwo: Selbst Iris Gleicke, parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Bundestagsfraktion und an diesem Abend Moderatorin der Podiumsdiskussion, tauft kurzerhand die neue „Thüringer Strombrücke“ um, bei ihr heißt sie plötzlich „Monster-Trasse“. So etwas kann dem Herrn links außen auf dem Podium kaum behagen. Winfried Fischer ist Generalmanager für das EEG (Erneuerbare Energien Gesetz) und den Leitungsbau bei der Vattenfall Europe Transmission GmbH. Eigentlich erwartet man jetzt von ihm eine ziemlich detaillierte Begründung, warum der schwedische Konzern die „Monster-Trasse“ durch den Thüringer Wald bauen will, immerhin eins der letzten drei großen zusammenhängenden Waldgebiete in Deutschland, wie einer aus dem Publikum anmerkt. Immerhin kämen „hier oben“ pro Jahr 60 000 Gäste an, verkündet Masserbergs Bürgermeister Friedel Hablitzel (SPD). Mit 35 000 Arbeitsplätzen in Hotels, Gaststätten, Fremdenverkehrsbetrieben lebe die Region vom Tourismus, ergänzt Thomas Seibt, der Geschäftsführer des Regionalverbundes Thüringer Wald: Indem nun die Stromtrasse den Tourismus gefährde, gefährde sie notwendigerweise die Existenz der Menschen. „Mir fehlt eine ehrliche faire Prüfung, ob diese Leitung sein muss,“ sagt Seibt, er sei bis heute nicht überzeugt von ihrer Notwendigkeit.

Nun wäre es also an Winfried Fischer, die Notwendigkeit der Trasse detailliert zu begründen. Er verweist auf das Erneuerbare Energiengesetz, die EU-Gesetze zum Stromhandel, die Windenergie, die von der Küste Richtung Süden transportiert werden müsse: Die vorhandenen Leitungen reichten nicht aus, sagt er, als Netzbetreiber sei die Vattenfall Europe Transmission GmbH verpflichtet, die neue Stromautobahn zu bauen: keine Zahlen, keine Details, kaum Fakten. Im übrigen, mache es ihn doch „sehr betroffen“, spricht Herr Fischer im grauen Anzug, wie die Menschen im Saale hier „ein vom Gesetzgeber beschlossenes Klimaschutzprogramm“ ablehnten. Er bitte schon, dass „jeder die Betroffenheit zum Klimaschutz mitträgt.“

Energiemenge steigt um 50 Prozent

Nun hat die Bundesregierung in der Tat das Neue-Energien-Gesetz beschlossen, nach dem alternativer Strom vorzugsweise ins Netz einzuspeisen ist, und nach dem in Deutschland bis zum Jahr 2020 etwa 20 Prozent des Energiebedarfs aus regenerativen Energien gedeckt werden soll. Das ist prima für Umwelt und Klima. Gleichzeitig planen die deutschen Energiekonzerne (zu denen auch Vattenfall zählt) nach einem vertraulichen Papier der Bundesnetzagentur 45 neue Kohlekraftwerke mit einer Leistung von 44 000 Megawatt und einem Ausstoß von 170 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr. Selbst wenn alle Altanlagen stillgelegt würden, stiege die produzierte Strommenge nach dieser Planung um 50 Prozent gegenüber dem heutigen Stand. Das wiederum ist weniger prima für die Umwelt, eine „Betroffenheit zum Klimaschutz“ geht daraus nicht hervor. Stattdessen könnte man folgern, dass – wo künftig viel mehr Strom produziert und verkauft werden soll – dringend Leitungen benötigt werden.

Der künftige Trassenbedarf ist in einer Studie der Dena (Deutsche Energieagentur) festgeschrieben, die inzwischen ziemlich unter Verdacht geraten ist – bei den Grünen beispielsweise, die für die grenzüberschreitende Stromtrasse Altenfeld-Redwitz-Grafenrheinfeld gerade im bayerischen Landtag ein ergänzendes Gutachten gefordert haben. Oder bei der 3500 Mann starken Interessengemeinschaft der Bürgerinitiativen, die sich entlang der Thüringer-Wald-Trasse bis nach Bayern gebildet haben. Deren Sprecherin Petra Enders fordert längst eine unabhängige Bedarfsstudie für den geplanten Megawatt-Highway durch den Thüringer Wald.

Bei der Dena-Studie hätten die Stromkonzerne ein allzu „großes und gewichtiges Wort“ mitzureden gehabt, urteilt Wolfgang Weiß, energiepolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen in Coburg. Iris Gleicke formuliert so: Die Studie sei „ja durchaus von interessierter Seite“ gesponsert worden: „Eon und alle anderen haben ordentlich mitfinanziert“.

Selbst die CDU-Fraktion im Thüringer Landtag fordert inzwischen eine Anhörung zum Leitungsbau, was auch gut sein dürfte für die CDU, denn in Masserberg wird unter dem Beifall des Publikums der Rücktritt ihres Ministerpräsidenten Dieter Althaus inklusive seines Bauministers Andreas Trautvetter gefordert, die nämlich hätten kein Herz für den Thüringer Wald. Wird also das Grüne Herz Deutschland entzwei geschnitten, auf der Grundlage einer Studie, an deren Neutralität es ernsthafte Zweifel gibt? Und wofür – und weshalb – wird die Leitung über den Thüringer Wald so schnell benötigt: Noch im Jahr 2008 soll gebaut werden?

„Für Windenergie jedenfalls nicht“, urteilt Wolfgang Trommer, ein Ingenieur vom Fach, der in Masserberg für die Interessengemeinschaft der Bürgerinitiativen spricht. 7900 Megawatt Windenergie würden derzeit „On-Shore“ produziert, dazu 8200 Megawatt in Ostdeutschlands Kohlekraftwerken. Für diese Leistung reiche das bestehende Netz aus. Die Windleistung der „Off-Shore“-Anlagen, die die Leitung künftig aufnehmen solle, sei derzeit noch bei Null, sagt Trommer. Zwar seien etliche Anlagen vor der Küste geplant, aber erstens gäbe es noch technische Probleme, zweitens werde es mindestens zehn Jahre dauern, bis die Windparks stünden.

Europaweiter Handel

Selbst Vattenfall führt das zukünftige Aufkommen an erneuerbaren Energien nicht mehr als alleinige Begründung für den Leitungsbau nach Franken an. Im neuesten Prospekt heißt es: „Die erwartete Verdopplung der Einspeisung aus erneuerbaren Energien, sowie der zunehmende europaweite Stromhandel machen den Bau der Thüringer Strombrücke erforderlich.“

Was für wen erforderlich ist, dazu hat auch der parlamentarische Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Michael Müller, ein Wörtchen zu sagen: Sein Vortrag in Masserberg gerät einerseits zum Plädoyer für alternative Energien und Klimaschutz, andererseits zu einem Verriss der Stromkonzerne, die den deutschen Markt beherrschen. Vorwurf eins: Baden-Württemberg sei zu über 50 Prozent von Atomenergie abhängig. Trotz des Wissens darum, dass die Kraftwerke ausliefen, hätten die Betreiber keinerlei Vorsorge getroffen für diesen Fall. In Bayern sei die Lage ähnlich. Die Energie müsse nun also von anderswo kommen. Müller: „Das ist genau der Punkt, um den es hier geht.“

Häufig Stau auf der Stromautobahn

Vorwurf zwei: Die Konzerne seien überhaupt nicht interessiert an einer dezentralen Versorgungsstruktur, in der Strom verbrauchsnah produziert werde. Müller: „Um diese Frage gibt es eine machtpolitische Auseinandersetzung seit Jahren: Das ist nicht die Linie der Konzerne in Deutschland.“ Wer aber nicht dezentral produzieren will, benötigt mächtige Stromautobahnen – und auf denen herrscht, wie im richtigen Verkehr auch, inzwischen häufig Stau. Im Westen seien die Leitungen voll ausgelastet, „nun wollen unheimlich viele von Ost nach West durchleiten“, erklärt Müller, Strom sei schließlich „auch ein Riesengeschäft“. Man könne ihn quer durch Europa jagen, sofern man über hinreichende Leitungen verfügt. Von Skandinavien beispielsweise (wo Vattenfall unlängst knapp an einem Gau in einem seiner Atomkraftwerke vorbeigeschrammt sein soll) durch Ostdeutschland Richtung Süden. Oder aus ehemaligen Ostblockländern (in denen sowohl Eon als auch Vattenfall munter expandieren) durch den Thüringer Wald Richtung Süden.

In Masserberg am Podium sitzt noch Reiner Marr, Bürgermeister von Sonnefeld in Oberfranken. Er behauptet schwer Fassbares. Eon nämlich (auf bayerischer Seite für den Trassenbau zuständig) habe ihm „trotz einer hundsmiserablen Informationspolitik“ folgendes versichert: Es sei technisch möglich, „dass die im wesentlichen vorhandene Trasse von Remptendorf (Saale-Orla-Kreis) nach Redwitz in Bayern aufgerüstet wird auf vier Systeme. Damit, sagt Marr, „könnte man sich diese Trasse hier im Thüringer Wald sparen.“ Man könnte sich demzufolge auch die Abholzung von 250 Hektar Wald sparen, der bekanntermaßen als grüne Lunge des Weltklimas fungiert. Herr Fischer von Vattenfall wirkt nach Reiner Marrs Rede etwas konsterniert: „Davon“, sagt er, „ist mir nichts bekannt.“

Quelle Freies Wort vom 05.04.2007

 

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