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Streit um Starkstromleitung hält an

31.03.2010 | Bei dem Forum "Thüringen kontrovers" diskutierten Wolfgang Neldner, Vattenfall-Tochter "50 Hertz", Petra Enders, Bürgermeisterin Großbreitenbach, Peer Schulze, IG "Achtung Hochspannung", Detlef Reuters, IHK Erfurt, und Dirk Adams, MdL Grüne, über die Starkstromtrasse durch den Thüringer Wald.
Beginnen wir damit, dass jeder der Teilnehmer seinen Standpunkt darlegt.

Neldner: Mir ist bewusst, dass eine Leitung dieses Ausmaßes für Betroffenheit sorgt. Ich weise darauf hin, dass andere Regionen bei regenerativen Energien voraus sind. Thüringen hängt hinterher. Langfristig müssen wir Energie aus Offshore-Anlagen (Windanlagen auf dem Meer) transportieren. Ich will die Wahrheit sagen, es wird noch mehr Leitungen geben. Ich bitte um Akzeptanz, wir reden schließlich auch über nötige Ausgleichsmaßnahmen. 

Petra Enders , Bürgermeisterin von Großbreitenbach und Linke-Abgeordnete, gilt als Jeanne d'Arc der Anti-Strom-Trassen-Bewegung...
Enders: Für den Windenergie-Transport von Nord nach Süd ist die Trasse überhaupt nicht notwendig. Man braucht ganz andere Leitungen, das hat ein Gutachten von 33 Kommunen gezeigt. Das zugrunde liegende Gesetz ist verfassungswidrig, da sind sich Städte und Kommunen einig. Wir werden das vor Gericht prüfen lassen.
Herr Adams, Sie sitzen für die Grünen im Landtag. Ihre Partei hat im Bund mit der SPD das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) beschlossen, durch das nun Ökostrom im Norden eingespeist und nach Süden geleitet werden muss.

Adams: Wenn der Verbrauch zurückgeht und wir gleichzeitig Leitungen optimieren, brauchen wir die Trasse nicht. Zumindest nicht, um Klimaschutzziele zu realisieren. Ich glaube, mit der Trasse will man die sächsischen Kohlestromkraftwerke mit dem westdeutschen Atomstrom koppeln. Die großen Stromversorger sollen konventionelle Anlagen abschalten das machen die natürlich nicht. Dann heißt es: Unsere Netze sind voll! Wir sagen: weil sie mit konventionellem Strom verstopft sind.
Reuter: Thüringer Unternehmen müssen durchschnittlich zwei Prozent ihrer Kosten für Strom aufwenden. Wenn das weiter steigt, sind sie nicht mehr wettbewerbsfähig. Und die IHK sorgt sich um die Qualität des Stromnetzes. Bei hohen Windstärken gibt es Überlastungen. Das Stromnetz der Kreise Unstrut-Hainich und Sömmerda hat eine Maximalleistung von 50 Megawatt. Zu Spitzenzeiten produzieren die Windräder 150 Megawatt. Der Überschuss muss abtransportiert werden. Deshalb ist die IHK für den Bau.

Schulze: Wir sind nicht gegen erneuerbare Energien. Aber wir wollen keinen wirtschaftlichen Blödsinn wie die neue Trasse. Im Norden werden 40 Kohlekraftwerke gebaut, während Windenergie hoch subventioniert wird. Die Bundesregierung plant, Atomkraftwerke länger am Netz zu lassen. Und Solarenergie wird plötzlich gar nicht mehr gefördert. So lange da keine Klarheit herrscht, werden wir weiter gegen die Trasse kämpfen. Das Problem mit den hohen Windstärken sehe ich nicht. Nur weil ich einmal im Jahr einen Familienausflug mache, kaufe ich mir nicht gleich einen Bus.

Schon 2008 teilte die EU mit, dass diese Leitung definitiv kommen wird.
Neldner: Die Leitung hätte 2008 kommen müssen, nicht erst 2011. Und es geht nicht um einen Bus-Ausflug pro Jahr. Es ist unseriös zu sagen, wir überlasten weiter die Netze. Wir sind jeden zweiten Tag an der Kapazitätsgrenze. Die Situation ist so: Die Franzosen hatten vor Kurzem einen Energienotstand. Da hätten wir helfen können. Wir haben genug Strom. Aber wir hatten nicht die nötigen Leitungen.

Adams: Sie sagen, wir haben zu viel Strom und werden ihn nicht los? Na wunderbar. Warum nehmen Sie nicht zwei Kohlewerke vom Netz und unterstützen mit den freien Kapazitäten die regenerativen Energien? Und wie wollen Sie den Leuten hier erklären, sich der Induktion durch eine neue Hochspannungsleitung auszusetzen?
Neldner: Diese Gleichspannungs-Technologie wird bereits in China angewendet. Da gibt es eine Leitung mit fünf Gigawatt über 1500 Kilometer. Es wäre schön, so etwas von der Ostsee bis Stuttgart zu haben. Wir reden aber auch in China von Freileitungen und die werden mit sehr hohen Spannungen betrieben. Fragen sie mal einen Bürger in Thüringen, ob er sich vorstellen kann, was 5000 kV bedeuten. Da entsteht ein elektrisches Feld. Aber mit einem Erdkabel kommen Sie nicht über ein Gigawatt. Ich halte das für Demagogie. Und wir arbeiten schonend. Fahren sie mal ins Saale-Unstrut-Tal. Wir haben die Weinberge nicht abgerissen, Rotkäppchen ist nicht kaputt gegangen. Zum Teil nehmen wir den Wald überhaupt nicht weg.

Enders: Damit können Sie uns nicht locken. Der Thüringer Wald musste in der Vergangenheit zu viel verkraften. Viele Bauern haben jetzt schon keine Flächen mehr. Schauen Sie sich die neue Gleichstromtechnologie oder Hochtemperaturseile an! Denen gehört die Zukunft. Damit könnte die Netzkapazität verdoppelt werden.
Neldner: Es sind Ausgleichsmaßnahmen vorgesehen und die sollten in Anspruch genommen werden. Wir sind im Planfeststellungsverfahren, da sind noch Änderungen möglich. Wir sprechen im Übrigen nicht von fünf oder sechs Leitungen, sondern mit einer, mit der Ausbaumöglichkeit auf zwei.
Zeit für eine Schlussrunde. Welches Fazit ziehen Sie aus der Diskussion?
Schulze: 2008 hat Wolfgang Neldner gesagt: Wir legen den Schalter sowieso um egal was "Achtung Hochspannung" unternimmt. Heute ist ein Sinneswandel erkennbar, er hört sich viel kleinlauter an. Ich hätte mir aber mehr Teilnehmer von der Politik gewünscht. Dass Wirtschaftsminister Machnig offenbar ein Befürworter der Trasse ist, macht mir Sorgen.

Adams: Eines Tages soll Thüringen autark mit Strom aus erneuerbaren Energien versorgt werden. Zunächst wollen wir, dass die Trasse in den nächsten drei Jahren nicht gebaut wird. Sie hat nur die Aufgabe, Strom aus verschiedenen Quellen durch Deutschland zu transportieren. Das hat nichts mit Ökologie zu tun.
Enders: Wir bleiben dabei: 380 kV ist nicht notwendig. Die Diskussion zeigt, dass Vattenfall nicht bereit ist, über Alternativen zu reden. Wir erwarten, dass der Landtag im Mai endlich politisch Position bezieht. Wir werden unsere juristischen Möglichkeiten nutzen. Ich glaube, wenn wir uns weiter wehren, kann es zu einer Energiewende kommen.

Reuter: Wir brauchen die Leitung wegen der Belastung des Stromnetzes. Jetzt geht es darum, dass wir eine gemeinsame Lösung finden. Die Debatte zeigt, wie schwierig es ist, technologische Neuerungen zur Zufriedenheit aller durchzusetzen.

Neldner: Ich möchte nicht noch einmal darauf eingehen, ob und wann die Leitung kommt. Ich bedanke mich einfach, dass ich hier ein paar Dinge klar stellen konnte. Ich hoffe, dass wir uns künftig gemeinsam einigen können.

Moderation: TA-Redakteur Dietmar Grosser

Quelle Thüringer Allgemeine vom 31.03.2010


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