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Durch 20 Schutzgebiete

02.02.2007 | Konfuse Gemengelage im Landtag: Wie nötig ist 380-kV-Leitung über den Thüringer Wald?

Von OTZ-Redakteur Volkhard Paczulla Hitzige Debatten hat der Landtag schon oft erlebt. Aber selten so konfuse wie gestern, als es um die geplante Stromtrasse quer über den Thüringer Wald ging.

380 Kilovolt, das ist Höchstspannungsübertragung. Seit die Pläne des Energieriesen Vattenfall konkret geworden sind, ist in den Südthüringer Tälern der Teufel los. Die Strombrücke, über Land mit bis zu hundert Meter hohen Masten auf einer Schneise von 120 Meter Breite, ruft in allen betroffenen Gemeinden Bürgerinitiativen auf den Plan. Der Umweltschutz, die schöne Landschaft, die eigene Gesundheit und die Touristen - alles sei dann weg.

Die regierende CDU versucht zu beschwichtigen und hatte nie einen Zweifel, dass die Starkstromtrasse für eine sichere Energieversorgung gebraucht wird. Bis gestern. Denn der viele Strom, der von sogenannten Offshore-Parks, also von Windrad-Plantagen draußen auf dem Meer, nach Süddeutschland transportiert werden muss, wird noch gar nicht produziert. Zwar hat Vattenfall schon die Genehmigung für 15 Offshore-Parks mit jeweils 400 Megawatt Leistung. Aber gebaut ist noch keiner. Es soll technische Probleme geben.

Tilo Kummer, der Umweltexperte der PDS-Fraktion, hat die Christdemokraten natürlich sofort durchschaut. Die fragen jetzt nur nach der Trasse, weil sie keine Windräder, sondern den Ausstieg aus dem Atomausstieg wollen. Wegen des Klimawandels dürfe Windkraft aber nicht in Frage gestellt werden, sagte Kummer und drehte im nächsten Satz eine Pirouette: "Die Trasse ist deshalb notwendig, es kann aber sein, sie ist es nicht." Falls aber doch, dann nicht durch 20 Schutzgebiete und Biosphärenreservate. Sondern irgendwo anders eben.

Nicht irgendwo, aber woanders, findet auch Michael Krapp (CDU). Der Vorschlag, über das Umspannwerk Vieselbach bei Erfurt zu gehen, sei strittig, sagte er, denn das würde "einen tiefen Einschnitt in die noch weitgehend intakte Kulturlandschaft des Thüringer Waldes bedeuten". Krapp liebäugelt stattdessen mit einer Netzverstärkung über die Schiefergebirgsregion. Klar, das wäre das Sankt-Florians-Prinzip, wies der Schleizer Siegfried Wetzel seinen Fraktionskollegen umgehend zurück: Verschon´ mein Haus, zünd´ andre an.

Als Lösung wird in Südthüringen eher eine Erdverkabelung angesehen. Doch die ist mindestens dreimal so teuer und, wie der studierte Elektrotechniker Krapp weiß, bei 380 000 Volt auch nicht viel weniger störend als eine Überlandleitung. Solche Hochspannung unter der Erde würde einen 60 Meter breiten Streifen bedeuten, der immer schneefrei bleibt. Und über die Dauerwirkung des elektromagnetischen Feldes kursieren die tollsten Gerüchte. Doch so oder so, die Trasse wird zum Umspannwerk Altenfeld führen, und das liegt ganz in der Nähe von Großbreitenbach (Ilmkreis). Hier ist Petra Enders die Bürgermeisterin und somit Speerspitze des Widerstands. Während Tilo Kummer ziemlich exakt die Unentschiedenheit seiner Fraktion artikulierte, avanciert seine parteilose Fraktionskollegin Enders zur Jeanne d´ Arc der Wäldler: "Das kündige ich Ihnen jetzt schon an, diese Trasse wird mit allen parlamentarischen und außerparlamentarischen Mitteln bekämpft", rief sie gestern im Parlament. Was Wetzel wohl als Aufruf zur Gründung einer Thüringer RAF missverstand, jedenfalls sei er "entsetzt". Man müsse doch erst einmal das "Raubordnungsverfahren" abwarten.

Gemeint war das Raumordnungsverfahren, dem eine Planfeststellung folgen muss. Das seien doch ganz normale Verwaltungsverfahren, belehrte Bauminister Andreas Trautvetter (CDU) die aufgeregte Runde. Der Landtag habe diesen weder zuzustimmen noch sie abzulehnen. Betroffene könnten gegen die Verfahren klagen, aber auch das sei normal. Trautvetter würde das Problem ganz anders lösen: Einfach die Abnahmepflicht von Windstrom aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz des Bundes streichen. Doch dafür erkennt er im Moment selbst keine politischen Mehrheiten.

Hartmut Schubert (SPD) versteht die ganze Aufregung nicht. Es gebe keine neuen Erkenntnisse, dass auf die 380-Kv-Leitung verzichtet werden könne. Der Mann hat gut reden. Er wohnt in Altenburg.

Diese Trasse wird mit allen Mitteln bekämpft.

Petra Enders, parteiloses Mitglied der PDS-Landtagsfraktion und Bürgermeisterin von Großbreitenbach

Quelle Ostthüringer Zeitung vom 02.02.2007  

 

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