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"Keiner kann die Masten wollen!"

23.09.2008 | Touristiker im Schaumberger Land gehen auf Distanz zur Schalkauer Bürgerinitiative.

Schalkau – Die Interessengemeinschaft der Bürgerinitiativen, die 13 BI's nördlich und westlich des Rennsteigs unter einen Hut gebracht hat, um den Neubau der von Vattenfall geplanten 380-kV-Starkstromtrasse zu verhindern, sucht nunmehr auch im Schalkauer Land nach Verbündeten. Und geht damit eindeutig auf Distanz zur bereits bestehenden Bürgerinitiative, die sich lediglich gegen den Bau der Trasse durch das Schaumberger Land richtet und deren Wortführer der Neundorfer Bernd Büttner ist.

Mit einem Flyer, der dieser Tage an Haushalte in der Region Schalkau verteilt werden soll, wendet sich das Vorstandsmitglied der Interessengemeinschaft „Achtung Hochspannung“, Gerhard Behrens, an potenzielle Mitstreiter. „Es gibt keinen Grund, den Widerstand gegen Vattenfall aufzugeben“, verkündet Behrens kategorisch und verweist auf den Flurschaden in doppeltem Sinne, wenn der Stromriese seine „100 Meter hohen Masten auf 120 Meter breiter Schneise“ etwa im Bereich „zwischen Bachfeld und Schalkau, bei Ehnes und Almerswind“ in die Landschaft setzt.

„Kalte Enteignung“

Behrens argumentiert weiter: „Wer dann weg will, der kann sein Haus nicht mal mehr verschenken“ und nennt den Vorgang „kalte Enteignung“. Zum Schluss ein verbaler Seitenhieb auf, die vor genau einem Jahr in Mausendorf gegründete Bürgerinitiative, wenn Behrens verkündet: Wir dürfen nicht sagen: Baut das Ding woanders, nur nicht bei uns. Nach wie vor sei die Notwendigkeit der Trasse nicht erwiesen. „Die Politik muss Vattenfall zu modernerem Stromtransport auf Alttrassen zwingen,“ so die Forderung der Interessengemeinschaft.

Doch auch im Schaumburger Land gibt es bereits „Abtrünnige“, die die neuerliche Lesart der Schalkauer Bürgerinitiative, sich lediglich gegen die Trasse in ihrer Region stark zu machen, nicht mittragen. Und deren Widerstand mündet keineswegs in schweigende Duldung. Es sind die im touristischen Bereich Tätigen, Hoteliers und Zimmervermieter, die sich mehr und mehr der Interessengemeinschaft zugehörig fühlen.

Dr. Margit Heinz, Tierärztin in Neuhaus gehört zu ihnen. Nach der Grenzöffnung hat sie mit ihrer Familie das alte, dem Verfall anheim gestellte, Domänengut Schaumburg wiederaufgebaut, mühevoll restauriert und zu einem touristischen Betrieb ausgebaut, der sich sehen lassen kann. Auch Heinz gehörte einst zu den Gründungsmitgliedern der Schalkauer Bürgerinitiative. Inzwischen ist sie nicht mehr im Boot. Sie fühle sich nicht mehr durch die Bürgerinitiative vertreten sagt sie, könne die Statements Büttners nicht mehr mit tragen.

Anfangs, zu Gründungsversammlung am 29. September 2007, sei bei der Formulierung der Zielvorstellung eindeutig von Verhinderung des Stromleitungsbaus die Rede gewesen, sagt Heinz: „Die Stoßrichtung war prinzipiell gegen die Trasse.“ Nicht zuletzt aus diesem Grund habe sie auch im Rennsteiggebiet eifrig Unterschriften für die Bürgerinitiative gesammelt. Doch schon bei der nächsten Sitzung am 6. Oktober sei in einem Papier zum ersten Mal die Formulierung „... gegen die 380-kV-Leitung durch das Schaumberger Land“ gebraucht worden. Und schon bald darauf sei der Unterton, die Trasse sei eh nicht zu verhindern, in der Runde aufgetaucht, beklagt Margit Heinz.

Leitungen über der Schaumburg

Als sich dann im Januar der Vattenfall-Netzmanager Wilfried Fischer im Schalkauer Stadtrat zu dem Vorhaben äußerte, schwante Heinz nichts Gutes. Die Stimmung war gekippt, die Schalkauer gingen auf Tauchstation, wehrten sich zumindest nicht mehr im ursprünglichen Anliegen der Bürgerinitiative gegen das Projekt.

Daraufhin ließ Heinz die Bürgerinitiative wissen, dass
sie „nicht mehr mitmachen“ wolle. „Keiner kann wollen, dass sich die Masten über die Wahrzeichen unserer Region spannen“, meint sie.

Mit ihrer Entscheidung steht sie nicht allein. Auch Peter Kunz, der das Hotel „Sonneneck“ in Theuern betreibt und dem Tourismus- und Heimatverein Schaumberger Land vorsteht, sieht sich nicht mehr durch die Schalkauer vertreten. Die Geschichte, die Kunz über seinen Werdegang zum Touristiker zu erzählen hat, gleicht der von Margit Heinz. Auch er hat nach der Grenzöffnung das so genannte „Kulturhaus der deutsch-sowjetischen Freundschaft“ in Theuern gekauft und aufwendig zum 23-Betten-Hotel mit Gastronomie umgebaut.

Elektrosmog noch wenig erforscht

1994 eröffnete er das „Sonneneck“, in das er nach eigenem Bekunden „viel Geld und Eigeninitiative reingesteckt“ hat. Schon der Bau der ICE-Trasse, so sagt er, sei eine Zäsur für die Natur. Doch irgendwann werde die Trasse wieder grün. Die Hochspannungsschneise allerdings lasse sich nicht kaschieren. Die Masten stünden und die darunter liegende Brache müsse frei bleiben für jeden Bewuchs. Ganz zu schweigen „von dem Elektrosmog, der wenig erforscht“ sei. Kunz spricht aus, was die Touristik-Leute fürchten: Fern bleibende Urlauber, wo man gerade soweit ist, die Standards zu bieten, die bundesweit gelten. Der Gasthof „Sonneneck“ fürchtet auch um seine Stammgäste, die – viele aus Sachsen – gerade die unberührte Natur des Vorgebirges zu schätzen wissen. „Selbst die werden ausbleiben“, fürchtet er. Kunz, ebenfalls einer der Mitbegründer der Bürgerinitiative Schalkau, hält nichts von der Argumentation, der Trassenbau sei nicht zu ändern. Und schon gar nicht einverstanden ist er mit dem Prinzip, anderen das Ungemach zuzuschieben. „Da hab ich mich zurück gezogen und bin nicht mehr hingegangen,“ erklärt er mit Blick auf die damals gegründete Bürgerinitiative.

Der Tourismus- und Heimatverein, dem etwa 40 Mitglieder angehören, hat inzwischen eigene Initiative ergriffen. In einem Brief an die Sonneberger Landrätin Christine Zitzmann beschrieb er die „existenzbedrohenden Auswirkungen der 380-kV-Trasse“ sprach und sich „grundsätzlich gegen die geplante“ Leitung aussprach. In dem Schreiben heißt es unter anderem: „Wir wollen unser Kapital, die Landschaft, das Ziel vieler Gäste, nicht einem Großprojekt geopfert sehen, dessen Notwendigkeit nicht einmal erwiesen ist.“ Zugleich appelliert der Brief an die Zivilcourage der Landrätin, als vom vorgesehenen Infrastrukturbeschleunigungsgesetz die Rede ist: „Wir meinen, dass Sie nicht einverstanden sein können und das auch mit Ihren Kollegen Landräten in Erfurt deutlich machen ...“ Und am Ende des Schreibens werden Roß und Reiter genannt, denn der Verein „stimmt mit den 13 Bürgerinitiativen überein, dass Thüringen diese Überlandleitung Vattenfalls nicht braucht“ und die Landrätin bittet, „sich in diesem Sinn einzusetzen“.

Die stellvertretende Vorsitzende des Tourismus- und Heimatvereins, Edeltraud Kranich, saß einst ebenfalls mit am Tisch in Mausendorf, als sich der erste Widerstand gegen die Leitung regte.

Über den Schüsselrand

Inzwischen hat auch sie sich distanziert, denn „der Urlauber sieht keine Kreisgrenzen“, sagt sie. „Wir“, gemeint sind die Touristiker, „tun uns keinen Gefallen“, wenn wir uns auseinander dividieren lassen“, denn der Thüringer Wald müsse in seiner Gesamtheit vermarktet werden. Und daher betrachte sie es als unfair, nur den eigenen Schüsselrand im Auge zu haben. Das sei der Grund, weshalb sich der Verein geschlossen hinter die Interessengemeinschaft stelle.

Der Wirt der Gaststätte „Urmel“ am Rauensteiner Schwimmbad – wo sich nach langen Jahren des Wartens auch wieder ein Betreiber für das nahe gelegene Ferienzentrum mit zahlreichen Finnhütten und einem Gemeinschaftskomplex gefunden hat – reiht sich kompromisslos in die Reihe der Gegner der Trasse ein. Schon beizeiten habe er erkannt, dass die Schalkauer Taktik „Wo immer, nur nicht bei uns“ nicht aufgeht.

Quelle Freies Wort vom 23.09.2008



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