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Probleme mit der „Erfolgsstory“

24.01.2007 | 380-KV-Stromtrasse: Kontroverse Diskussion um die Alternative Erdkabel: Ist sie zwei- oder zehnmal so teuer?

TLZ vom 24.01.2007VON STZ-KORRESPONDENT GEORG GRÜNEWALD
Freileitung oder Erdverkablung? Und: Brauchen wir sie überhaupt? In der Debatte um die geplante 380-kV-Hochspannungsleitung durch den Thüringer Wald prallen nicht nur Meinungen und Interessen aufeinander, sondern auch höchst unterschiedliche Zahlen, mit denen die Kontrahenten argumentieren.

ILMENAU – Vor allem bei den Kosten für die Alternative Erdverkabelung. Wie am Montagabend in der Technischen Universität Ilmenau, als die Grünen-Bundestagsfraktion zur Diskussionsrunde „Thüringen unter Hochspannung“ eingeladen hatte.

Professor Heinrich Brakelmann, Energietransport-Experte der Uni Duisburg, schickt die „unangenehmen Wahrheiten“ gleich voraus. Was immer man an Alternativen zur 380-kV-Hochspannungsleitung diskutiere, „es wird spürbar mehr Geld kosten“. Bei einer 110-kV-Leitung seien die Kosten über und unter der Erde vergleichbar, aber nicht mehr bei einer 380-kV-Leitung.

Brakelmanns Beispiel: Ein kleineres Projekt bei Hannover. Doppelt so teuer sei hier die Erdkabel-Variante gewesen. Nur: Das lasse sich nicht ohne weiteres auf andere Projekte übertragen. Die Kosten hingen von vielen Faktoren ab. Geht es durch Wald, Wiese oder Stadt? Wie ist der Boden? Wie das Gelände? Deshalb will sich Brakelmann nicht festnageln lassen, wie weit die Kostenschere im Thüringer Wald auseinanderklaffen würde. Nur die Kosten für die Leitung überschlägt er. Bei 80 Kilometern müsse man mit 80 Millionen Euro rechnen.

Dafür legt sich Wolfgang Neldner fest, der Geschäftsführer der Vattenfall Europe Transmission, die auf den Bau der „Südwestkupplungsleitung“ von Halle über Vieselbach, Altenfeld und den Thüringer Wald nach Redwitz und Schweinfurt beharrt. Sie soll die Windenergie des Nordostens in die Industriegebiete des Südwestens leiten. Acht- bis zehnmal so teuer sei die Erdverkabelung durch den Thüringer Wald, behauptet Neldner. Und damit sei sie rechtlich gar nicht möglich, weil die Bundesnetzagentur sie nicht genehmigen dürfte.

Aber diesen Ball bekommt er zurück – per Appell des energiepolitischen Sprechers der Grünen-Bundestagsfraktion, Hans-Josef Fell. Die Energieversorger müssten Druck machen, fordert er Neldner auf, damit der Vorrang der Erdverkabelung doch noch Gesetz wird. Fell will sich auch bei der Suche nach Alternativen nicht gleich durch die Kosten ins Bockshorn jagen lassen. Die Erdverkabelung habe auch Sicherheitsvorteile, erinnert er, denn Hochspannungsmasten seien sturmanfällig, wie man gesehen habe. Und dann müsse man auch Netzmanagementchancen nutzen. Vielleicht reiche dann eine kleinere Leitung.

Sie reiche nicht, kontert Neldner und verweist auf die 95-prozentige Auslastung des bestehenden Hochspannungsnetzes. Vattenfall Europe beantrage die Trasse schließlich „nicht aus Jux und Tollerei.“ 40 Prozent der regenerativen Energie werde in den neuen Bundesländern produziert, das sei „zunächst mal eine Erfolgsstory“. Aber nur 25 Prozent der Energie würden gebraucht im Osten. Deshalb die Leitung. Die Netzbetreiber seien zum unverzüglichen Ausbau verpflichtet, betont er.

Ralf Bischof, Geschäftsführer des Bundesverbandes Windenergie kann der „Erfolgsstory“ nur zustimmen. Trotz aller Optimierungspotentiale werde man deshalb einen Netzausbau brauchen. Dann könnte im Jahr 2020 der Wind in Deutschland 20 Prozent der Energie liefern, meint er.

„Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist alternativlos“, betont auch Fell und erinnert noch kurz an Klimakatastrophe und die Schneisen, die Sturm Kyrill in den Thüringer Wald geschlagen hat.

Doch der Windkonsens ist wie weggeblasen, wenn es wieder um die Fakten der Erdverkabelung geht. Neldner warnt vor einem „40 Meter breiten Steppenstreifen“, wenn die 4-systemige Starkstromleitung als Erdkabel verlegt werde.

Das sieht Brakelmann aber ganz anders. Wenn das Kabel tief genug verlegt werde, sei sogar eine landwirtschaftliche Nutzung möglich. Die Erdverkabelung sei auf 5 bis 6 Meter Breite zu realisieren, auch wenn man dann alle 20 Kilometer ein oder zwei Kühlcontainer aufstellen müsste. Bei einer noch visionäreren Tunnelvariante käme man vielleicht auch mit einem Meter Schutzstreifen aus, den man nicht überfahren darf. Aber das wäre dann wieder eine Frage der Finanzen. Mehr noch als bei der Erdverkabelung.

Wolfgang Neldner, der Geschäftsführer der Netzbetreiberin, wirbt für die Trasse. Landrat Kaufhold (l.) hofft auf Kompromisse. FOTO: ari


 

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