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Mehr Wettbewerb ! Nicht zu jedem Preis

29.04.2008 | Die Energieexperten Stephan Kohler und Hermann Scheer streiten über die „Stromlücke“ (Kommentar und Unterstreichungen: Martin Krauß)

Die „Stromlücke“ droht, warnen die Energiekonzerne. Und Sie, Herr Kohler, haben die Daten dazu geliefert. Kriegen wir denn wirklich bald italienische Verhältnisse, wo Blackouts fast an der Tagesordnung sind?

Stephan Kohler: Wir kriegen keine Blackouts. Das ist Unsinn. Aber wir torpedieren den Klimaschutz, wenn keine neuen Kohlekraftwerke mehr gebaut werden. Kippen Projekte wie Moorburg in Hamburg, Staudinger bei Hanau oder Mainz-Wiesbaden, dann laufen Uralt-Kraftwerke weiter – und die pusten ein Drittel mehr CO2 in die Luft. Damit ist die Erreichung der Klimaschutzziele der Bundesregierung bis zum Jahr 2020 gefährdet. Oder aber: Die AKW bleiben am Netz. Wollen Sie das?

Hermann Scheer: Nein, will ich nicht. Aber ich will auch keine neuen großen Kohlekraftwerke, die dann 40 Jahre lang die Erdatmosphäre weiter aufheizen. Man darf den Teufel doch nicht mit dem Beelzebub austreiben.

Kohler: Wie soll das gehen? Selbst wenn das ambitionierte Energie- und Klimaprogramm der Bundesregierung voll umgesetzt wird, fehlt 2020 die Leistung von 15 Großkraftwerken. Dabei haben wir unterstellt: Der Stromverbrauch liegt acht Prozent niedriger als heute, 30 Prozent des Stroms sind Ökostrom, und 25 Prozent kommen aus effizienten KWK-Anlagen, bei denen die Abwärme in der Industrie oder zum Heizen genutzt wird. Den Rest müssen Großkraftwerke liefern. Alles andere ist unrealistisch.

Scheer: Das ist realistisch. Man muss es nur politisch wollen. Wie so etwas geht, hat Dänemark vorgemacht. Es hat Großkraftwerke einfach verboten. Neue Kohle- oder Erdgas-Anlagen dürfen nur noch in KWK gebaut werden. Das steigerte deren Anteil in nur sechs Jahren von zehn auf 40 Prozent. Wir in Deutschland liegen erst bei zwölf. Und auch die erneuerbaren Energien können stärker wachsen als geplant. Die Bundesländer müssen Windkraft, Biomasse und Solarenergie in der Raumplanung Vorrang geben. Dann sind bundesweit bis 2020 rund 50 Prozent Ökostrom drin, nicht nur 30.

Das stopft die Stromlücke?

Kohler: Mit Hoffnung kann man sie nicht stopfen. Bis 2020 sind es nur noch zwölf Jahre. Schon die 55 Prozent Öko- und KWK-Strom zu schaffen, wird hart genug. Heute sind es erst 26. Außerdem: Wir hätten dann schon sehr viel Wind- und Solarstrom im System, der nicht immer verlässlich fließt. Da brauchen wir als Back-up Kohle- und Gas-Kraftwerke, die bei Flauten die nötige Elektrizität liefern. Sonst bekommen wir wirklich Blackouts. Das würden weder die Bürger noch die Industrie akzeptieren – zu Recht. Außerdem: Nur so bleibt der Strom bezahlbar.

Scheer: Der bleibt doch gerade dann bezahlbar, wenn man die Energieverschwendung stoppt, die Großkraftwerke auszeichnet. Baut man statt eines Über-1000- Megawatt-Monsters wie in Hamburg-Moorburg oder bei Staudinger zehn oder 20 kleinere Anlagen, kann man auch die Wärme voll nutzen. Das bringt einen Effizienzsprung im Energieeinsatz von 100 Prozent und Entspannung auf dem Erdgas-Markt, da man dann ja weniger Gas zum Heizen braucht. Dann wird es für Stadtwerke und andere Versorger auch wieder rentabel, Gas- statt Kohlekraftwerke zu bauen. Das ist als Brücke zur Solarwirtschaft in Ordnung – zumal man dort zunehmend Biogas einsetzen kann.

Moorburg, Staudinger, das umstrittene Kraftwerk Mainz-Wiesbaden – überall dort wäre Gas statt Kohle machbar?

Scheer: Ja, wenn die Größe der Kraftwerke angepasst und Strom- und Wärmeversorgung im Zusammenhang konzipiert werden.

Kohler: Nein, denn wäre Gas rentabel machbar, wären die Betreiber bei Gas geblieben. Zudem: Wenn die drei genannten Großkraftwerke nicht kommen oder abgespeckt werden, fehlt 2020 noch mehr Leistung, um eine sichere Stromversorgung zu garantieren. Mit anderen Worten: Wer heute gegen die neuen, effizienten Kohlekraftwerke ist, sorgt dafür, dass die Atomkraftwerke nicht abgeschaltet werden. Das hören viele Umweltschützer und Grüne nicht gerne. Aber: So ist es.

Scheer: Das ist falsch. Für jedes wegfallende Kohlemonster gibt es dezentralere Alternativkonzepte mit erneuerbarer Energie, Gas und Biogas in KWK-Anlagen, die viel klimafreundlicher sind. Es ist offensichtlich: Die Unternehmen wollen die Alternativen nicht, weil sie um ihre Marktmacht fürchten und ihre auf Großkraftwerke zugeschnittenen Hochspannungsnetze weiter betreiben wollen.

Krauß: Alternativkonzept zu Staudinger vom BUND Hessen

Kohler: Aber viele der insgesamt 50 Kraftwerksprojekte, die jetzt wegen der Bürgerproteste auf der Kippe stehen, sind nicht von den Konzernen, sondern Stadtwerken und unabhängigen Unternehmen geplant. Gerade wenn sie wegfallen, zementierte das die Macht der „Big Four“ Eon, RWE, Vattenfall und EnBW, die bisher über 80 Prozent des Stroms produzieren. Wir brauchen mehr Wettbewerb im Stromsektor. Da stimmen Sie mir doch wohl zu, Herr Scheer!

Scheer: Natürlich, aber nicht zu jedem Preis! Ernergievergeudung durch Großkraftwerke ist damit nicht zu rechtfertigen.

Kohler: Gerade in Süddeutschland sind sie auch aus Gründen der Stabilität des Stromnetzes nötig. Wenn das AKW Biblis in den nächsten Jahren abgeschaltet wird, fehlen dort 2400 Megawatt.

Scheer: Der Druck, gerade im Süden herkömmliche Kraftwerke zu bauen, ist künstlich hergestellt – durch die Politik in Hessen, Baden-Württemberg und Bayern. Dort wurden die erneuerbaren Energien systematisch klein gehalten. In Hessen gibt es 1,8 Prozent Windstrom, in Sachsen-Anhalt 40 Prozent, vom Küstenland Schleswig-Holstein gar nicht zu reden.

Kohler: Dort weht der Wind auch ganz anders.

Krauß: Das ist falsch; Die natürlichen Bedingungen für die Windkraftnutzung sind in den Mittelgebirgen ebenso gut wie im norddeutschen Tiefland. Die Onshore-Windkraftnutzung ist wesentlich kostengünstiger als Offshore, die doppelt so teuer ist. Die Windkraftnutzung in den Mittelgebirgen der südlicheren Bundesländer ist politisch nicht gewollt [1] und wird im Wahlkampf verteufelt (Koch: „Windkraftmonster“). Die Bevölkerung wird, obwohl sie die Windkraftnutzung befürwortet, dagegen aufgehetzt. Raumordnerische Kriterien stehen auch nicht entgegen. Sie werden von der Landes- und Regionalplanung festgelegt.

Scheer: Hessen und Sachsen- Anhalt sind hier vergleichbar. Das zeigt: Dass die Süd-Länder so gewaltig hinterher hinken, ist eindeutig politisch provoziert. Und das kann geändert werden.

Die CDU-Regierung will Hessen doch nun zum Musterland für erneuerbare Energien machen.

Scheer: Das sind bisher nichts als PR-Sprüche. Dabei kann man Windkraft- und Solaranlagen sowie KWK-Anlagen oder kleine Blockheizkraftwerke viel schneller bauen als Riesen-Kohlemeiler.

Kohler: Einspruch! Bei jedem Projekt, egal ob Biomasse-Kraftwerk, Windrad oder Hochspannungsleitung – es bilden sich Bürgerinitiativen. Dann dauert es doch länger, oder es kippt ganz.

Krauß: Das ist falsch. Nach der raumordnerischen Standortsicherung in den Regionalplänen der nach BBauG im Außenbereich privilegierten Windkraftanlagen (BBauG der Kohl-Regierung!) können nur öffentliche, rechtliche Belange entgegenstehen, z. B. Lärmschutz nach TA Lärm, Vogel- und Naturschutz. Mangelnde Bürgerakzeptanz ist kein öffentlich rechtlicher Belang, der Windkraftanlagen verhindern kann. Die Investoren warten nur auf raumordnerisch abgestimmte Standorte. Die Bauzeit beträgt nur Monate, wie auch die energetische Amortisation. Nur die Lieferzeiten von WKA sind aufgrund der Exportnachfrage länger geworden.

Scheer: Widerstand gibt es überall – egal, ob AKW, Kohlekraft oder Windrad. Aber die Argumente der Erneuerbare-Energien-Befürworter sind besser. Es braucht freilich politische Courage, sie rüberzubringen. Ohne das geht es nicht. Umfragen zeigen, dass über 80 Prozent der Leute Öko-Energien wollen.

Kohler: Den Optimismus, dass die Gegner sich so schnell überzeugen lassen, teile ich nicht. Wir brauchen beides: mehr erneuerbare Energien und Großkraftwerke als Rückgrat – zur Stabilisierung.

Scheer: Aber dieses Rückgrat ist einfach zu inflexibel. Es bleibt 40 Jahre – und die Kraftwerke müssen so lange weiter mit fossiler Energie gefüttert werden. Deren Kosten aber steigen weiter. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Nicht nur Erdöl und Erdgas, auch Kohle und Uran werden teurer werden. Die Kosten der erneuerbaren Energien dagegen sinken, denn außer bei Bioenergie gibt es keine Brennstoffkosten mehr.

Sie hoffen, Strom wird bald billiger?

Scheer: Nein, das nicht. Aber das heißt nicht, dass wir mehr zahlen müssen. Es kann jeder so viel Strom einsparen, dass die Gesamtrechnung auch bei hohem Ökostromanteil sinkt.

Kohler: Bezahlbar bleibt der Strom nur, wenn die neuen Kohlekraftwerke gebaut werden. Laufen die alten Mühlen weiter, geht das wegen des EU-Emissionshandels bald gewaltig ins Geld. Da werden wir uns noch wundern.

Gesprächsleitung: Joachim Wille

© Copyright Frankfurter Rundschau Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 100) Datum: Dienstag, den 29. April 2008 Seite: 22

[1] Regionalplanung blockiert lokale Wertschöpfung in Südbaden;http://www.wind-energie.de/



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