»Kontakt    »Impressum   

Menschen unter Strom

24.03.2008 | Bürgerinitiativen wehren sich gegen geplante Starkstromleitung.

Großgarnstadt (ddp-bay). Das Unheil rückt näher. Sorgenvoll zeigt Anette Martin nach Norden, über die Felder ihrer oberfränkischen Heimat in Richtung der Berge des ThüringerWaldes. «Von dort kommt die Stromtrasse, etwa 100 Meter breit und mit 60 Meter hohenMasten.» Die schmächtige Frau beschreibt mit einer Armbewegung den geplanten Verlauf einer gigantischen Höchstspannungsleitung, die die Energieriesen E.ON und Vattenfall genau an ihrem Dorf entlang errichten wollen. «Die Trasse führt direkt an unseren Häusern vorbei», sagt die 45-Jährige aus Großgarnstadt im Landkreis Coburg und erzählt von ihren Ängstenvor Elektrosmog, über Gesundheitsgefährdungen und die Zerstörung der Natur. «Ich weiß von Fällen, da stieg die Krebsrate in der Nähe von Hochspannungsleitungen eklatant. Und dassind weitaus kleinere Leitungen als die, die bei uns gebaut werden soll», sagt sie ängstlich. Einen wissenschaftlich belegten Zusammenhang zwischen einer Häufung vonKrebserkrankungen und dem Wohnen in der Nähe von Hochspannungsleitungen gibt es nicht, das wisse sie. Doch ihre Angst bleibe. Mit ihren Befürchtungen ist Frau Martin nicht alleine. Von Niedersachsen über Sachsen-Anhalt bis nach Bayern regt sich seit einem JahrWiderstand gegen das umstrittene Projekt, bei dem Strom von Windkraftanlagen in der Nordsee über eine vierspurige Freileitungstrasse mit 380 Kilovolt Spannung bis in den Südender Republik transportiert werden soll. Eine Höchstspannungstrasse soll die Leitungsverluste für den durchgeleiteten Strom möglichst gering halten. Auch in Thüringen nehmen zukünftigeAnwohner der Trasse die Pläne nicht klaglos hin. Besonders hartnäckig ist die Gemeinde Großbreitenbach am Rennsteig. In dem traditionellen Erholungsbad steht Marcus Klopsch an der Spitze einer Bürgerinitiative. Der Rechtsanwalt aus Baden-Württemberg ist erst vor dreiJahren mit seiner Familie nach Thüringen gekommen. Dort betreibt er mit seiner Frau eine Ferienhaussiedlung für Familien. Die beiden fürchten jetzt um ihre Existenzgrundlage - die unberührte Natur des Thüringer Waldes. «Unsere Gäste suchen hier Ruhe und Erholung, wollen wandern und die Natur genießen», sagt Klopsch. Die Freileitungsmasten, die inGroßbreitenbach bis zu 100 Meter hoch in den Himmel ragen sollen, kämen für seinen Betrieb einer Katastrophe gleich. Die Menschen in Großbreitenbach haben aber nicht nur wirtschaftliche Bedenken. Sie fühlen sich auch vom Umgang Vattenfalls mit den Betroffenen provoziert. Der gebürtige Dresdener Jürgen Töpfer, der seit 40 Jahren in Thüringen lebt, berichtet von einer Veranstaltung, bei der der schwedische Staatskonzern seine Plänevorstellte. «Uns wurde von vornherein gesagt, dass die Stromtrasse über den Rennsteig kommt. Mit oder ohne Protest.» Das berühmte Fass zum Überlaufen brachte für den pensionierten Mathematiklehrer allerdings die Aufforderung der Vattenfall-Manager, die Freileitungen als touristische Attraktion zu begreifen - gleichsam als neuen Wanderweg entlang des Rennsteigs. Vattenfall habe sich gar bereit erklärt, die bis zu 100 Meter hohenMasten in der Nacht anzustrahlen, erzählt Töpfer. Durch diese Arroganz habe er sich der regelrecht zur Gegenwehr aufgefordert gefühlt, sagt Töpfer. Vattenfall-Sprecherin GeraldineSchröder will die Vorfälle nicht kommentieren. Dem Misstrauen will der Konzern mit Aufklärung begegnen. »Was die Bürger denken, ist uns nämlich keineswegs egal«, betont sie. »Grundsätzlich machen wir nichts gegen den Willen der Bürger«, beteuert Schröder. Doch dieTrasse sei «eine absolute Notwendigkeit zur Sicherung der Energieversorgung».

Der Unmut an der bayrisch-thüringischen Landesgrenze hat derweil eine gemeinsame Basis gefunden. Eine Interessengemeinschaft aus fränkischen und thüringischen Bürgerinitiativen wurde gegründet, man trifft sich alle zwei Wochen und sogar eine gemeinsame Demonstration vordem thüringischen Landtag wurde organisiert. Die Proteste werden so schnell nicht abebben.
 
Der Interessengemeinschaft liegt ein unabhängiges Gutachten der Forschungsgesellschaft für Alternativen Technologien und Wirtschaftsanalysen in Heidelberg vor. «In diesem Gutachten steht, dass die Trasse über den Rennsteig wirtschaftlich unnötig ist», sagt die Oberfränkin Martin. Und deshalb sehen sie und ihre Thüringer Mitstreiter keinen Grund, im Kampf gegen die Energieriesen zu weichen.

Quelle ddp



 WEITERE AKTUELLE INFORMATIONEN

Der Schnappschuss des Tages!!!Am 01.05.2014 war an der ICE-Brücke am Froschgrundsee bei Rödental ein Groß-Banner mit folgender... mehrmehr
Das Planfeststellungsverfahren für den Neubau der 380kV-Trasse Landesgrenze Bayern/Thüringen - Redwitz a. d. Rodach wurde eröffnet. Seit 17.09. haben... mehrmehr
Auswertung der politischen Umfrage (vom Juni/Juli 2013) zu Netzausbau und Energiewende in Deutschland: In der Interessengemeinschaft „Achtung... mehrmehr
Am 18.07.2013, 11:30 Uhr findet eine mündliche Verhandlung in der Verwaltungsstreitsache 380 kV Südwest-Kuppelleitung statt (Stadt... mehrmehr
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) und die UVP-Gesellschaft e.V. (Gesellschaft für die Prüfung der Umweltverträglichkeit)... mehrmehr
 

Copyright © 2007 - 2013
Achtung-Hochspannung.de
Alle Rechte vorbehalten

©design by nineteen62