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Vernachlässigte Stromnetze

 28.02.2008 | ZDF - Frontal21 vom 26.02.2008 - Für die Folgen zahlt der Verbraucher von Steffen Judzikowski und Hans Koberstein.

Klingt absurd: Deutschland hat zu viel Strom. So viel jedenfalls, dass die Netze Ökostrom zum Teil nicht mehr aufnehmen können. Sie sind überlastet, werden von den Stromversorgern vernachlässigt. In Zukunft drohen deshalb Stromausfälle und Milliarden Kosten.

Bei steifer Brise erzeugen die Windmühlen im schleswig-holsteinischen Ellhöft reichlich Öko-Strom. Doch bevor ein Verbraucher in Süddeutschland sein Teewasser mit Windstrom aus dem Norden kochen kann, muss der Strom über Leitungen oder Kabel durch die ganze Republik transportiert werden. Das belastet die Netze - und die großen Stromkonzerne, die zugleich Netzbetreiber sind, machen dann für die Konkurrenz aus dem Norden dicht.

Leitungen dicht

"Vom Gesetz her haben wir eigentlich das Recht, den erzeugten Strom jederzeit einzuspeisen", erklärt Windmüller Reinhard Christiansen. Aber die Eon als Netzbetreiber sage einfach, das Netz sei voll, und so schalte sie die Windmüller ab. Allein im Januar seien die Leitungen an 14 Tagen dicht gewesen. So kommt die umweltfreundliche Energie neuerdings beim Verbraucher häufig nicht mehr an - und den Betreibern der sieben Windparks Ellhöft entstanden rund 300.000 Euro Verlust, so Christiansen, denn speichern können die Windmüller ihren Strom nicht.

"Wir schmeißen Ökostrom einfach weg", sagt Hermann Albers, Präsident des Bundesverbands Windenergie e.V., weil es bei den Netzbetreibern "keine geordnete Planung" gegeben habe. Schon seit zehn Jahren sei klar, wie viel Strom in die Netze eingespeist werden müsse - nur getan wurde wenig. Albers vermutet, dass die Netzbetreiber - die großen vier Stromkonzerne Vattenfall, Eon, RWE und EnBW - wenig Interesse am Ausbau zeigten, um die Öko-Konkurrenz nicht zu unterstützen.

Profitgier der Stromkonzerne

Dabei könnte der Ökostrom sogar im heutigen Netz uneingeschränkt fließen, so Professor Lorenz Jarass von der Fachhochschule Wiesbaden - nur dürften die Netzbetreiber dann weniger Strom aus ihren herkömmlichen Kraftwerken einspeisen. Das würde auch der Klimaschutzstrategie entsprechen, die besage, dass weniger Kohle sowie Öl verbrannt - zu Gunsten erneuerbarer Energien. Damit aber würden die Kraftwerksblöcke der großen Energiekonzerne weniger stark ausgelastet. "Das heißt, ihre Profite würden drastisch zurück gehen. Das wollen diese Konzerne natürlich nicht", so Jarass.

So hat die Profitgier der Stromkonzerne Folgen: für das Klima, für die alternativen Stromversorger - und für die Verbraucher sogar gleich mehrfach. Die Bewohner von Bad Homburg sind sauer. Reihenweise brachten sie durchgeschmorte Satellitenreceiver, DSL-Router, Computer-Netzteile und Telefonanlagen zum Elektriker, nachdem der Strom ausgefallen war - im vergangenen Jahr gleich vier Mal.

Durchgeschmorte Elektrik

Jedes Mal, wenn der Strom wieder floss, gab es so genannte Spannungsspitzen im Netz, die den elektrischen Geräten zusetzten, beklagt der Bad Homburger Marcus Hett. Die Kosten für eine schadhafte Heizungssteuerung in Höhe von mehr als 500 Euro wollte der Stromversorger Süwag aber nicht ersetzen. Schließlich habe die Süwag den Schaden nicht mutwillig verursacht, beschied die RWE-Tochter ihrem Kunden.

Der will weiter kämpfen. Zumal er - wie alle anderen deutschen Stromkunden auch - Monat für Monat für die Instandhaltung des Netzes bezahlt, mit der Stromausfälle verhindert werden sollen. Denn im Strompreis sind so genannte Netzentgelte enthalten. Rund 17 bis 20 Milliarden Euro kassierten die Netzbetreiber so jedes Jahr, sagt Aribert Peters vom Bund der Energieverbraucher. In das Stromnetz investiert würden aber nur zwei bis drei Milliarden.
 
Milliardenprofite durch Netzentgelte


So verhelfen die Verbraucher den Strommonopolisten allein durch die Netzentgelte zu Milliardenprofiten - ohne dass diese die Netze ausreichend instand halten und zukunftsfähig machen würden. Und die Kunden werden am Ende womöglich sogar doppelt abkassiert, weil sie für die irgendwann dann doch dringend notwendigen Investitionen erneut kräftig zur Kasse gebeten werden.

Denn das Netz ist überaltert und weist einen "enormen Investitionsbedarf" auf, so eine Studie des Allianz Zentrums für Technik. Langfristig sei "mit zunehmend gleichzeitigen Ausfällen und schlimmstenfalls mit einer nicht mehr beherrschbaren Eskalation zu rechnen." In ganz Europa drohten mehr Blackouts als bisher. Und für das Szenario eines mehrtägigen Stromausfalls sei der Bevölkerungsschutz "nur unzureichend gerüstet".

Fehler im System

Für Professor Jarass liegt der Fehler im System: Es ergebe einfach keinen Sinn, die Netze "von profitorientierten Konzernen betreiben zu lassen. Das führt nur dazu, dass überhöhte Preise verlangt werden, und die Netzinfrastruktur verfällt." Im Grunde zahlten wir für etwas, was wir nicht bekommen, sagt Peters, "und das ist Schummel".

Video zum Beitrag von Frontal21

Zum Originalbeitrag und mehr Infos aus der Sendung von Frontal21

Quelle ZDF Frontal21 vom 26.02.2008 Foto: dpa



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