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„Weniger als ein Fünftel des Neubaus“

 07.02.2008 | Gutachter Jarass sieht schlechte Karten für die Vattenfall-Pläne und wirft dem Freistaat Steuergeld-Verschwendung vor.

In Auftrag gegeben von der Interessengemeinschaft der Bürgerinitiativen gegen die Vattenfall-Trasse „Achtung Hochspannung!“ sowie durch 32 Kommunen Thüringens und Nordbayerns wurde kürzlich das aktualisierte Gutachten der Wiesbadener Forschungsgesellschaft Alternative Technologien und Wirtschaftsanalysen mbH (ATW) zur Notwendigkeit der Großbaustelle quer durch Thüringen und das angrenzende Nordbayern vorgestellt. Mit klaren Ansagen: Der geplante Neubau einer 380-Kilovolt-Leitung ist nicht notwendig, wirtschaftlich nicht zumutbar.

Mit dem international renommierten Gutachter Lorenz Jarass, der die Studiefederführend mit dem Regensburger Physiker Gustav M. Obermair über Monate erarbeitete, sprach gestern Klaus-Ulrich Hubert.

Mussten Sie sich zum Panzerschrank von Vattenfall in Berlin Zugang verschaffen, um an jene Stromtransportwerte der näheren Zukunft zu gelangen, mit denen der Konzern seine Windenergie-Begründung des Neubaus lieferte?

Jarass: Sämtliche Werte, auf denen unsere Berechnungen – und glauben sie mir, die waren sehr gründlich – beruhen, stammen aus öffentlich zugänglichen Angaben des Konzerns, seiner Tochter Vattenfall European Transmission und der Bundesregierung.

Dass die Studie derart eindeutig belegte, dass eine neue Riesenleitung nicht notwendig und schon gar nicht durch Nord-Süd-Windstromtransport begründbar ist, hätte unser Team zunächst auch nicht gedacht. Das Ergebnis überraschte uns ebenso wie die Kühnheit, dem Neubau das Windstrom-Etikett drauf zu kleben.

Wenn Sie nun nachweisen, dass man durch Optimierungen und Leitungsmonitoring die bestehenden Leitungssysteme zum Fünftel der Kosten gegenüber einem Neubau durchziehen könnte: Müsste nicht Vattenfall die Gutachtens-Finanzierung übernehmen, wo Sie dem Konzern doch ökonomischen Frevel vor Augen führen? Denn durch die Leitungen fließt doch vor allem viel, viel Geld...

Jarass: Die mittlerweile von Vattenfall aufgrund gesetzlicher Vorschriften vorgelegten Lastfluss-Projektionen für 2012 geben einen Hinweis für den wahren Hintergrund der Leitungsplanung: Die geplante Leitung ist nicht windbedingt, sondern würde Vattenfall einen vollen Weiterbetrieb konventioneller Kraftwerke auch bei starker Windenergieeinspeisung ermöglichen.

Bei starker Windenergieeinspeisung müssen aber die konventionellen Kraftwerke soweit wie technisch möglich zurückgefahren werden, sonst kann die Windenergieeinspeisung nicht sinnvoll zur CO2-Minimierung genutzt werden. Deshalb nochmals in aller Klarheit: Die geplante Leitung ist schlecht für den Klimaschutz, für die Bewohner Südthüringens eine massive und unnötige Beeinträchtigung, für Vattenfall aber ein gutes Geschäft.

Die Auftraggeber des Gutachtens stellen sich die Frage: Wenn die Angaben zu elektrischen Lastflüssen und wirklich erforderlichen Zukunftskapazitäten öffentlich zugänglich sind, warum kam bis vor kurzem niemand in der Landespolitik auf die Idee, erst die Notwendigkeit des tiefen Einschnitts in unsere Landschaften, Lebens- und Tourismusqualität zu hinterfragen, und dann auf Steuerzahlerkosten das Wie und Wo des Trassenverlaufs ins Raumordnungsverfahren zu geben?

Jarass: Es ist eine Verschwendung von Steuergeldern, wenn man ein Raumordnungsverfahren in Gang setzt, ohne vorher im Detail vom Antragsteller die Notwendigkeit des Vorhabens nachvollziehbar dargelegt zu bekommen.

Die Referenzliste ihres Instituts ist lang. Sie arbeiten ja auch für Stromkonzerne,. Empfinden Sie mit der Obergutachtens-Idee des Landes nicht Misstrauen ihren „Rechenkünsten“ gegenüber; ein wenig Oberlehrertum quasi?


Jarass: Es hätte dem Land Thüringen gut angestanden, zuerst vom Antragsteller Vattenfall die Notwendigkeit des Vorhabens nachvollziehbar dargelegt zu bekommen und dann einen unabhängigen Gutachter mit der Prüfung der Notwendigkeit zu beauftragen.

Statt dessen mussten die betroffenen Bürgerinnen und Bürger die Arbeit ihrer Thüringer Landesregierung übernehmen. Es steht zu hoffen, das die anstehenden Konferenzen der Universitäten Jena und Ilmenau zur Leitungsplanung weitere Einsichten geben.

Ach, übrigens: Das Land Niedersachsen, aber auch das Land Salzburg/Österreich haben gezeigt, wie man Leitungsnotwendigkeiten und Umweltschutz recht gut miteinander verzahnen kann.

Ihr Gutachten umfasst 160 Seiten samt 24 Grafiken und 13 Tabellen. Vielleicht nochmal in drei Sätzen – auch zum Mitschreiben für Landespolitiker in ihrer Verantwortung der Daseinsvorsorge für Bürger und die ihnen für spätere Generationen anvertrauten Naturgüter: Bitte die gravierendsten Gründe, die Trasse nicht zu bauen?


Jarass: Die erforderliche Erhöhung der Übertragungsleistung kann ohne den Neubau von Vieselbach – Altenfeld – Redwitz durch Aufrüstung der bestehenden 380kV-Freileitung Remptendorf – Redwitz mittels Neubeseilung mit Hochtemperaturseilen und Temperaturmonitoring der Leitungen erreicht werden. Diese Aufrüstung kostet weniger als ein Fünftel des geplanten Freileitungsneubaus. Und: Der von Vattenfall geplante Neubau statt Aufrüstung der bestehenden Leitung wäre im Widerspruch zur Ende 2007 beschlossenen EEG-Novellierung, die explizit Netzoptimierung vor Netzverstärkung vor Netzneubau vorsieht.

Das heißt dann also unterm Strich was?

Jarass: Der geplante Neubau einer 380kV-Leitung Vieselbach/Erfurt – Altenfeld – Redwitz/Oberfranken ist in jedem Fall nicht notwendig und wirtschaftlich nicht zumutbar. Weder der massive Eingriff in Natur und Landschaft noch die Kosten für die Stromkunden, die die Leitung bezahlen müssten, sind also vertretbar.

Aber braucht man die geplante neue Höchstspannungsleitung durch den Thüringer Wald nicht doch irgendwann, wenn weit vor den Küsten im offenen Meer die Windenergie massiv ausgebaut wird?

Jarass: Die nach einem massiven Ausbau der Offshore-Windenergie benötigten Erhöhungen der Netzkapazitäten erfordern ein ganz neuartiges Höchstleistungsnetz und können keinesfalls durch einen stückweisen Ausbau des bestehenden 380kV-Drehstromnetzes geschaffen werden, wie auch die dena-I-Netzstudie betont. Das Ende 2007 verabschiedete niedersächsische Erdkabelgesetz macht uns deutlich, dass dieses Höchstleistungsnetz wohl großenteils nicht als Freileitung ausgeführt werden wird.

Quelle Freies Wort vom 07.02.2008



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