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Der Spatz auf dem Dach zieht nicht mehr

16.01.2008 | Schalkau / Bockstadt Was Vattenfall jetzt betreibt, das ist ein Verwirrspiel. Aber nicht
mit uns! So kommentiert Sven Gregor, Bürgermeister der Gemeinde Bockstadt, die neuesten
Überlegungen des Stromkonzerns. Danach wird eine Querung des Rennsteigkamms ohne
Freileitungsmasten auf einer Länge von etwa 1000 Metern geprüft. Außerdem könne man sich vorstellen,
dass die Masten niedriger ausfallen, so eine Vattenfall-Sprecherin.

Angebot ist ein Gewinn

Während die Bürgerinitiativen entlang der geplanten Starkstromtrasse sich einig sind der weiteren
Strategie, nicht mit sich handeln zu lassen, fühlt sich der Neundorfer Bernd Büttner, Chef der
Bürgerinitiative Gegen die 380-kV-Leitung durchs Schaumberger Land wie ein Rufer in der Wüste, wenn
er an die Vernunft aller Beteiligten appelliert. Natürlich, wendet er ein, müsse man die Grundfrage zuerst
beantworten. Und die lautet: Hat Jarass Recht oder der Chef der Bundesnetzagentur? (Während die
Netzagentur die Leitung für dringend erforderlich hält und Vattenfall in den Bestreben, möglichst schnell
zum Stromtrassenbau zu kommen, bestärkt, hat Prof. Jarass in einer von den Bürgerinitiativen in Auftrag
gegebenen Studie deren Notwendigkeit mittelfristig bestritten.) Bevor die Frage nicht geklärt sei, ob die
Leitung zum Nutzen der Bürger notwendig ist, so Büttner, braucht eigentlich nicht weitergeredet zu
werden. Gleichwohl sei jedes kleine Zugeständnis gegenüber dem ursprünglichen Ausführungsplan ein
Gewinn für die Bürgerinitiativen, sagt Büttner. Das betreffe sowohl die Ankündigung einer teilweisen
Erdverkabelung über den Kamm des Thüringer Waldes als auch die Prüfung niedrigerer Masten. Jede
Maßnahme zur Verringerung der Flurschäden sei zu begrüßen. Doch im Endeffekt heiße es doch, dass
Vattenfall von seiner grundsätzlichen Zielstellung her nicht davon abrücken wird, die Leitung zu bauen,
meint der BI-Chef. Bei sachlichem Herangehen, müssten das doch auch die anderen erkennen. Das sei
auch der Zeitpunkt, nun auch über die weitere Streckenführung mit Vattenfall zu verhandeln, sagt Büttner.
 
Gleiches rät er der Landtagsabgeordneten Petra Enders, Bürgermeisterin von Großbreitenbach und eine
der Galionsfiguren im Widerstand der Trassengegner. Wenn sie eine erneute Beratung der BI
beabsichtige, solle sie auch Vattenfall und die Netzagentur mit an den Tisch holen, um endlich gleiche
Ausgangsdaten zu schaffen. Nur auf dieser Basis sei eine weitere fruchtbare Auseinandersetzung um das
Projekt zu bewerkstelligen.

Keine Kompromisse heißt dem gegenüber die Losung der übrigen Bürgerinitiativen. Sven Gregor aus
Bockstadt steht mit seiner Meinung keineswegs allein. Er weiß die Mitglieder der Bürgerinitiative Stoppt
die 380-kV-Leitung! Bockstadt Herbartswind Heid Eisfeld hinter sich. Der BI-Vorstand war am
Mittwochabend zusammengekommen, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Wir wollen, dass das
von Professor Lorenz Jarass erstellte Gutachten anerkannt und im Landtag behandelt wird, sind sich die
Aktiven einig, die seit Februar vergangenen Jahres der Bürgerinitiative vorstehen und seither gemeinsam
mit den rund 250 Mitgliedern ihrem Protest gegen das Trassenmonster Ausdruck verleihen. Die
Erdverkabelung auf sage und schreibe 1000 Metern 46 Kilometer Trasse würden laut Plan das Eisfelder
Gebiet tangieren und 42 Kilometer das Masserberger bezeichnen sie als schlechten Witz, die niedrigeren
Masten ernten nur Kopfschütteln. Lang und breit haben uns Vattenfall-Vertreter erklärt, weshalb die
Masten zwischen 70 und 100 Meter hoch sein müssen. Jetzt soll es doch anders gehen?, sagt Bernd Enders
ungläubig. Er ist der Chef der Bürgerinitiative Nahetal-Waldau Auengrund Schleusegrund, die etwa ein
Vierteljahr später als die Bockstädter entstand, von dieser viel Starthilfe bekam, jetzt 140 Mitglieder und
inzwischen ebenfalls so einiges erreicht hat. Beide BI arbeiten eng zusammen, auch unter dem Dach der
Interessengemeinschaft gegen die 380- kV-Leitung. Weniger in Erscheinung tritt hingegen die dritte BI im
Landkreis, die Masserberger. Dabei würde es dieses Gebiet nicht weniger hart treffen, sollten die
Netzpläne aufgehen.

Freilich, die Bockstädter haben auch einige Enttäuschungen einstecken müssen, besonders was die
Haltung einiger Landespolitiker anbelangt.

Wir haben mehr erreicht, als wir anfangs dachten, und die Zeit arbeitet für uns, schätzt der Vorstand ein.
Sven Gregor fügt hinzu: Das Raumordnungsverfahren ist noch nicht eingeleitet, die
Verträglichkeitsuntersuchungen laufen noch. Es ist also noch nichts verloren. Für den noch
bevorstehenden ganz bestimmt langen und steinigen Weg sei man gut gewappnet.
Eines der von Vattenfall ins Feld geführten Argumente laute, das gesamte Netz würde 2010
zusammenbrechen, wenn die geplante Leitung bis dahin nicht steht (oder liegt). Was, wenn 2010 kommt
und nichts passiert?, fragen sich die Trassengegner. Das vom Land ins Spiel gebrachte Obergutachten
lehnen sie strikt ab, bezeichnen es als einen Schlag ins Gesicht und als Verschwendung von
Steuergeldern.

Eines ist Fakt, so Bernd Enders, ohne unsere Protestaktionen ständen heute vielleicht schon die ersten
Fundamente in der Landschaft. Auch das Echo aus ganz Deutschland bestärkt die BI-Mitglieder darin
weiterzumachen.

Coburger zu beneiden

Was sich diesbezüglich im Raum Coburg auf kommunaler Ebene tut, das sei beneidenswert, meinen die
Bockstädter. Da werde wirklich parteienübergreifend gegen die Trassenpläne vorgegangen. Wenn man
das auch in Thüringen erreichen könnte ...

Doch an den Fronten pro und contra Vattenfall-Höchstspannungstrasse im Abschnitt Vieselbach Altenfeld
und von dort weiter in den angrenzenden fränkischen Raum haben sich die Seiten offenbar verkehrt.
Zumindest was die Frage früherer Erdverkabelungsbefürworter und -gegner betrifft.
Nachdem der Netzbetreiber und potenzielle Bauherr des umstrittenen Projekts, Vattenfall Europe
Transmission, gegenüber Freies Wort bestätigte: Wir prüfen eine innovative Querung des
Rennsteigkamms ohne Freileitungsmasten, erkennt darin die Fraktion Die Linke im Thüringer Landtag
einen Teilerfolg. Aber vor allem auch ein Spiel auf Zeit samt Ablenkungsmanöver durch Vattenfall.
Der Widerstand gegen diesen unnötigen und naturzerstörenden Bau hat sich damit zunächst erst mal
gelohnt. Offenkundig geht Vattenfall jetzt davon aus, dass das ursprüngliche Vorhaben nicht unanfechtbar
ist, so Dieter Hausold, Die-Linke-Fraktionschef im Thüringer Landtag. Angesichts der frühen Sensibilisierung betroffener Bürger,Kommunen und Landkreise und sehr späten Erwachens der regierenden Landtags-CDU (samt SPD) warnt Hausold vor dem durchschaubaren Versuch von Vattenfall, auf Ablenkung und Verschiebungsszenarienzu setzen, um die erfolgreiche Protestbewegung zu schwächen.

Setzten die Bürgerinitiativen von Thüringen bis Bayern in der Anfangszeit nach Bekanntwerden der
Trassenpläne in ihrer Argumentation noch primär auf enorme Abstriche durch Landschafts-, Tourismus und Lebensqualitätseinbußen und als Mindestforderung und Plan B auf Erdverkabelung, wendete sich im
Vorjahr das Blatt. Das Prinzip Lieber den Spatz in der Hand (die Erdverkabelung) als die Taube auf dem
Dach (überhaupt keine Trasse) endete.

Erdkabel einst Plan B

Das von Bürgerinitiativen, Kreisen und Kommunen finanzierte wissenschaftliche Gutachten des renommierten Wiesbadener Instituts von Prof. Dr. Jarass griff weniger kurz, belegte die energietechnische und politische wie wirtschaftliche Nichthaltbarkeit des Erneuerbare-Energien-Arguments von Vattenfall für die Trasse.
 
Dieser Erfolg und das von der Stadt Großbreitenbach beim Oberverwaltungsgericht angestrengte
Normenkontrollverfahren zu Mängeln im abgeschlossenen Raumordnungsverfahren lassen Hausold
konstatieren: Von Vattenfall gibts nun ein Spiel auf Zeit, um dann doch klammheimlich das Bauvorhaben
voranzutreiben. Was ein Schlag ins Gesicht aller wäre, die sich für sinnvolle Alternativen einsetzten und Widerstand leisteten.Deshalb: Es bleibt beim Nein!, betont Hausold. Im Kampf gegen die Trasse aktivstes und dabei lange Zeit ei nsames Fraktionsmitglied, Großbreitenbachs Bürgermeisterin Petra Enders: Große Teile derBevölkerung, Bürgerinitiativen einschließlich der 33 Kommunen, die mit ihrem Geld das Gutachten in Auftrag gaben, um Sinn oder Unsinn einer solchen Stromleitung herauszufinden, sehen das ebenso. Daranändern auch die von Vattenfall jetzt ins Feld geführten gerade mal 1000 Meter Erdkabel unter dem Rennsteig rein gar nichts!

Es gibt weltweit erprobte Technologien, wie Hochtemperaturseile und Temperaturmonitoring, bei deren
Anwendung der im nord- und ostdeutschen Raum erzeugte Strom aus Windenergie über bestehende
Trassen zum Verbraucher geleitet werden kann, so Petra Enders. Gutachten-Mitautor Obermair habe
zuletzt bei einer Informationsveranstaltung der Landtagsfraktion Die Linke Ende November 2007 in
Erfurt erläutert, dass sich Erdverkabelungen von 380-kV-Leitungen bei Großversuchen in den USA als
äußerst anfällig und nach Meinung vieler Experten nicht als zukunftsfähige Methode erwiesen. Zumindest
nicht, um im Höchstspannungsbereich Strom übertragen zu können.

Hatten Enders und die Bürgerinitiativen in den frühen Protestzeiten im Gegensatz zu der bislang von
Vattenfall vehement (!) ins Feld geführten Argumentation contra Erdkabel deutschlandweit nach
Argumenten und Belegen gesucht, dass Erdkabel umweltschonender sind, übernimmt nun offenbar
Vattenfall diesen Part. Dessen Projektleitung erläuterte freilich im September 2006 (wir berichteten) der
Presse anschaulich, wie sich eine fast 30 Meter breite, stets heiße und nicht bepflanzbare Betonpiste samt
Wartungsstraße optisch negativer auf die Landschaft auswirke als die Freileitungen mit zum Teil über 100
Meter hohen Gittermasten. Und das Ganze zudem zehnfach teurer ... Nach Worten Enders stelle sich
Vattenfalls innovative Möglichkeit der Querung des Rennsteigkammes bewusst nebulös dar: Nur
Salami-Taktik! Man ist scheibchenweise in Vieselbach bei Erfurt angekommen, will unbedingt zum
Umspannwerk Altenfeld, um das Pumpspeicherwerk Goldisthal noch profitabler ausnutzen zu können.
Und ist man einmal dort, wird es aus Sicht des Konzerns und seiner Lobby ,vernünftige Gründe geben,
weiter in Richtung Süden zu bauen und den Kamm zu queren. Natürlich mit Freileitung! Vattenfall muss
deshalb sein Vorhaben grundsätzlich aufgeben, sagt Enders.

Verlockend dürfte das Erdkabel-Geschenk für die Protestler wirklich nicht sein: Nur ein Kilometer ohne
Masten, überwiegend im Kreis Hildburghausen. Und: Im Landesverwaltungsamt liegt noch kein Antrag
zum Kabel-Projekt vor. Die Zeit jedoch läuft.

Quelle Freies Wort vom 16.01.2008




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