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Monströse, unnütze Stromleitung

21.12.2007 | Die Bürgerinitiativen gegen den Bau der 380-kV-Höchstspannungsleitung zwischen Altenfeld in Thüringen, Coburg und Redwitz an der Rodach wollen ihren Widerstand auf eine breitere Grundlage stellen. Das sagte Anette Martin, Vorsitzende der Bürgerinitiative Pro Heimat in Ebersdorf bei Coburg und eine der Sprecherinnen der bayerisch-thüringer Interessengemeinschaft Achtung Hochspannung, in einem Interview der Neuen Presse. In ganz Deutschland, beispielsweise in Niedersachsen, wollten die Netzversorger neue Stromleitungen bauen, die unnötig seien. Den Widerstand dagegen wolle man im nächsten Jahr auf Bundesebene bündeln, um so den Druck auf die Politik und die Netzbetreiber zu erhöhen.

Frau Martin, die Bundesregierung hat beschlossen, den Anteil regenerativer Energien an der Stromerzeugung, vor allen Dingen von Windkraft, bis zum Jahr 2020 auf 25 bis 30 Prozent zu erhöhen. Dafür sei, so die Netzbetreiber Vattenfall und Eon sowie die Deutsche Energieagentur, eine neue 380-kV-Höchstspannungsleitung zwischen Thüringen und Bayern notwendig. Sind Sie gegen die Nutzung von Windkraft?

Natürlich nicht. Sie ist eine wichtige Energiequelle, um dauerhaft auf Atomstrom verzichten zu können. Kernkraftwerke sind nicht unsere Zukunft. Wir treten allerdings dafür ein, Energie dezentral zu produzieren. Dafür benötigt man keine neuen Höchstspannungsleitungen mit bis zu 100 Meter hohen Masten, für die bis zu 100 Meter breite Schneisen durch den Thüringer Wald und das Coburger Landgeschlagen werden müssen.

Wie soll eine dezentrale Produktion von Energie funktionieren?

Es beginnt damit, dass Gemeinden wieder Stromnetze betreiben. Das geschieht beispielsweise in Ebersdorf bei Coburg, wo die Gemeinde das Energieversorgungsnetz vor einigen Jahren zurückgekauft hat. An dieses Netz müssen lokale Energieproduzenten angeschlossen werden. Das sind Windräder, aber auch Biogas- und Photovoltaikanlagen. Werden sie gekoppelt, lassen sich damit problemlos und dauerhaftDörfer versorgen. Beispiele dafür gibt es in Deutschland schon genügend. Zudem steht die Forderung von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel im Raum, Strom zu sparen. Das macht für die Verbraucher auch Sinn, schließlich wird Energie dies erleben wir ja in der gegenwärtigen Preisrunde immer teuerer. Außerdem wird mit einem dezentral aufgebauten Versorgungsnetz die Abhängigkeit von den vier Energieriesen geringer, die das deutsche Versorgungsgebiet unter sich aufgeteilt haben. Der Hauptvorteil für unsere Bürgerinitiativen wäre natürlich, dass dann gewaltige Stromleitungen wie die zwischen Altenfeld, Coburg und Redwitz an der Rodach geplante unnötig werden.

Ist eine dezentrale Energieversorgung wirklich zukunftsfähig?


Natürlich! Wie das funktioniert, habe ich gerade aufgezeigt. Und lassen Sie mich noch etwas zur Nutzung regenerativer Energien sagen. Die Windkraft, die heute in Norddeutschland produziert wird, kann mit den bestehenden Leitungen problemlos transportiert werden. Die Windräder, die in der Ost- und Nordsee geplant sind, sind bislang nur Planspiele. Technisch machbar sind sie noch nicht. Die Bundesregierung hat die Verwirklichung solcher Projekte aus gutem Grund auf die Zeit nach 2015 verlegt. Da muss ich doch nicht im Jahr 2008 in Windeseile eine monströse Leitung durchsetzen, die vorerst gar nicht benötigt wird.

Wofür soll Sie denn Ihrer Meinung nach gebaut werden?

Für den Stromhandel. In den neuen Bundesländern sind nach unserer Erkenntnis 20 bis 25 neue Kohlekraftwerke geplant. Deren Stromproduktion will verkauft sein. Außerdem vermuten wir, dass die deutschen Energieversorger billigen Atomstrom in osteuropäischen Kernkraftwerken einkaufen und auch über die neue 380-kV-Leitung vermarkten wollen. Wir sind überzeugt davon, dass die Verteilung von Windenergie für die Versorger zweitrangig ist. Für sie geht es darum, Umsatz und Profite zu erzielen, anstatt regenerative Energien zu fördern, die natürlich auch für den Stromhändler und -verteiler teuerer sind als konventionell erzeugter Strom.

Wo liegt Ihrer Meinung nach der Grundfehler in der Netzstudie der Deutschen Energieagentur, die den Bau der 380-kV-Leitung zwischen Thüringen und Bayern für unverzichtbar hält?

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz schreibt fest, dass bei der Investition in neue Anlagen die Wirtschaftlichkeit ein entscheidendes Bewertungskriterium ist. Sie muss überprüft und nachgewiesen werden. Diesen gesetzlichen Auftrag ignoriert die Dena in ihrer Netzstudie völlig. Das erkennen Sie daran, dass zur 380-kV-Leitung überhaupt keine Alternativen Temperaturüberwachung, Hochtemperaturseile aufgezeigt, geschweige denn überprüft werden.

Benötigt man nach Erkenntnissen der Bürgerinitiativen in Bayern überhaupt Strom aus Norddeutschland?

Nein! Bayern exportiert mehr Strom, als importiert wird. Das heißt, wir haben in unserem Bundesland einen Stromüberschuss.

Stephan Kohler, Geschäftsführer der Deutschen Energieagentur, sagt, bereits bestehende Stromleitungen können nicht genutzt werden, um den gesetzlichen Auftrag zu erfüllen, in weitaus stärkerem Maße als bisher Windenergie ins Versorgungsnetz einzuspeisen.

Da sind wir anderer Ansicht. Das Gutachten der Professoren Jarass und Obermair zeigt, dass die bestehende Leitung Remptendorf-Redwitz genutzt werden kann, wenn eine Temperaturüberwachung installiert wird, um Verbrauchsspitzen abzufangen. Falls noch mehr Windstrom durchgeleitet werden soll, dann sind Hochtemperaturseile eine gute und vor allem machbare Alternative zum Leitungsneubau. Wenn Herr Kohler beides als nicht machbar ablehnt, dann halte ich ihm entgegen, dass diese Technik in Deutschland sowohl im 110-kV- als auch im 380-kV-Bereich bereits eingesetzt wird, und zwar nicht nur in Ausnahmefällen.

Wie werden die Bürgerinitiativen weiter im Kampf gegen die 380-kV-Leitung vorgehen?

Wir warten das Raumordnungsverfahren ab, dessen Ergebnis im Frühling 2008 vorliegen soll. Wir gehen davon aus, dass die Regierung von Oberfranken die grundsätzliche Notwendigkeit der 380-kV-Leitung Altenfeld-Redwitz bestätigt. Dann folgt ein Planfeststellungsverfahren, gegen das wir eine juristische Klage anstreben, sollte es mit einem positiven Beschluss der Baugenehmigung für die Leitung enden. Zudem werden wir unseren Widerstand auf eine breitere Grundlage stellen. Wir werden unsere bayerisch-thüringer Bürgerbewegung mit Initiativen in anderen Teilen Deutschlands verknüpfen, beispielsweise in Niedersachsen. Dort gibt es in Bezug auf den Leitungsbau die gleichen Probleme wie in unserer Region. Wir streben ein deutschlandweites Bündnis an, um den Druck auf die Bundespolitik und die Energieversorgungsunternehmen zu erhöhen. Interview: Wolfgang Braunschmidt

Quelle Neue Presse Coburg vom 21.12.2007



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