»Kontakt    »Impressum   

Trasse droht, aber kaum einer kämpft dagegen

31.01.2007 | Masserberger Christian Sachs vermisst eine breite Front gegen die 380 Kilovolt-LeitungVON ANKE KRUSE

MASSERBERG – Seit Mai 2006 wissen die Masserberger, dass der Energiekonzern Vattenfall eine 380 Kilovolt-Trasse vor ihrer Haustür bauen will. Nachdem der Protest gegen diese Leitung in Masserberg zunächst laut und öffentlich geführt wurde, ist es inzwischen recht still geworden im oberen Wald. Zu still?

Einer, der massiv gegen den Bau dieser Trasse kämpft, ist Christian Sachs – ein Gewerbetreibender im Ort. Doch er scheint mittlerweile der einzige auf weiter Flur zu sein. Sachs versucht noch Verständnis für die Bürger von Masserberg aufzubringen, wenn sie keine Zeit haben, zu den Versammlungen zu gehen. Er sagt auch, dass es ihnen kaum zu erklären sei, was hier eigentlich geschieht – was die Landesregierung hier zulässt. Einerseits sollte vor nicht allzu langer Zeit der Rennsteig zertifiziert werden, auf der anderen Seite soll jetzt diese Starkstromtrasse direkt darüber hinweg gebaut werden. Sachs vergleicht das mit einem Mann, der sich mit dem Hammer immer wieder selbst aufs Knie schlägt.

„Mit seiner Gleichgültigkeit ignoriert Minister Andreas Trautvetter unseren Rennsteig, der seit fast tausend Jahren so steht wie heute“, sagt Sachs. „Er sollte sich endlich eindeutig dafür entscheiden im Interesse der dort lebenden Menschen und der Bürger, die für den und vom Tourismus leben und nicht erst das Raumordnungsverfahren abwarten“, macht er seinem Herzen Luft. In seinen Augen sind Althaus und Trautvetter mit ihrer Politik vom Nichtreden, Nichtshören, Nichtssehen und die Hände in den Schoß legen eine Schande für ihre Partei und für den Freistaat Thüringen.

Sachs findet es außerdem sehr schlimm, dass Vattenfall nicht bereit ist, Alternativen, wie etwa eine Erdverkabelung, zu prüfen. Der obere Wald ist für Menschen, die sich in den Ballungszentren, wie Erfurt, ansiedeln, Naherholungsgebiet. Er glaubt nicht, dass diese noch kommen, wenn der Rennsteig in seiner Qualität beschnitten würde. Er meint, man müsse eine Symbiose finden zwischen Tourismus und Wirtschaft. Dass dies möglich ist, zeigt der Rennsteigtunnel, der vom Bund finanziert wurde.

Dass etwas getan werden müsse für die Wirtschaft, stehe außer Frage. Aber auch jeder einzelne könne seinen Stromverbrauch überprüfen. Dann wären solche Mammutprojekte wie die 380 Kilovolt-Leitung durch den Thüringer Wald vielleicht in Zukunft nicht mehr erforderlich.

Auch die jungen Leute sind so gleichgültig

Inzwischen empfindet sich Christian Sachs als der einzige, der noch Widerstand gegen die Trasse in Masserberg leistet. Er könne zwar nicht erwarten, dass hier Rentner demonstrieren, „aber auch die jungen Leute sind so gleichgültig“, empört er sich und meint, das sei eben viel einfacher, als etwas zu bewegen.

Masserbergs Bürgermeister Friedel Hablitzel sieht es nicht ganz so. Er sei ständig mit diesem Thema beschäftigt, sagt er. Er stehe mit den Bürgerinitiativen im Ilm-Kreis im Kontakt und nehme dort auch an den Veranstaltungen teil. Der Thüringer Heilbäderverband habe eine Stellungnahme zum Stromtrassenbau an das Thüringer Landesverwaltungsamt geschickt, in dem auch noch einmal auf die negativen Folgen für den heilklimatischen Kurort Masserberg aufmerksam gemacht wurde. „Ich denke, wir haben noch eine Chance, dass die Trasse nicht hier gebaut wird. Schließlich wurde von der EU für die Region um Masserberg ein Vogelschutzgebiet ausgewiesen. Das hat auch Gewicht“, sagt der Bürgermeister. Im Gemeinde- und Städtebund wurde eine Arbeitsgruppe zum Thema 380 Kv-Leitung gebildet, in der er mitarbeite.

Dennoch sieht sich Hablitzel auch mehr oder weniger als Einzelkämpfer in der Sache. Zum Beispiel habe er von Landrat Thomas Müller erwartet, dass der sich schon jetzt zu einer der beiden möglichen Trassenvarianten festlegt. Schließlich führen sie beide durch seinen Landkreis. „Aber der Landkreis will sich erst im Raumordnungsverfahren dazu äußern“, so Habliztel.

Und die Bevölkerung verlasse sich zu sehr auf die Politik. „Das ist nun mal so“, zuckt er die Schultern. Aber in Masserberg geht es um rund 250 000 Übernachtungen im Jahr. „Da müssten sich die Bettenanbieter und Gewerbetreibenden stark machen, schließlich geht es um ihre Existenz“, mahnt der Bürgermeister.

Masserberg ist anerkannter heilklimatischer Kurort. Derzeit werden Daten zur Klimaüberprüfung gesammelt. Er hofft, dass sich der ICE-Trassenbau und das Pumpspeicherwerk Goldisthal noch nicht negativ auf das Klima ausgewirkt haben. Sollte jetzt aber noch diese Starkstromtrasse kommen, werde diese sicher Einfluss auf das Klima haben, befürchtet er. Und das werde dann Auswirkungen auf den Kurtourismus haben.

In einer öffentlichen Veranstaltung sollen die Bürger demnächst noch einmal über den Bau der Trasse und deren mögliche Folgen aufgeklärt werden. Außerdem ist am 3. April eine große Veranstaltung in Masserberg geplant, zu der die Geschäftsführung von Vattenfall und der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Michael Müller, eingeladen seien. Hier sollen beide Seiten zur geplanten Trasse Rede und Antwort stehen.

Gewerbetreibende müssten sich stark machen

Der Bürgermeister will außerdem prüfen, inwieweit ein bevölkerungswirksamer Protest gegen die Trasse, zum Beispiel mit Postwurfsendungen, organisiert werden könnte.

Der Chef der Tourismus-Agentur Masserberg, Markus Winkler, hat im Kampf gegen die geplante Trasse resigniert. Er ist enttäuscht von der Gleichgültigkeit der Menschen hier und bringt es auf den Punkt: „Wenn ich keinen Masserberger gewinnen kann, will ich mich auch nicht weiter engagieren. Sollte sich jedoch eine ordentliche Bürgerinitiative konstituieren, werden wir sie auf jeden Fall fachlich unterstützen.“ In Masserberg gibt es rund 2500 Betten und mehr als 100 touristische Anbieter. „Die sind hier eigentlich gefordert, für ihren Ort zu kämpfen.“

Winkler hält es für absolut fatal, am Kurort Masserberg eine frei sichtbare Starkstromtrasse vorbeizuleiten, zumal es aus seiner Sicht Alternativen gebe. Er lasse das Argument nicht gelten, dass eine Erdverkabelung nicht machbar sei und nennt in diesem Zusammenhang Beispiele, wie Kopenhagen (22 km/400Kv-Kabel), Tokio (40 km/500 Kv-Kabel) oder Berlin (16 km/380 Kv-Kabel). Dies zeige, dass es möglich wäre. Winkler hat gemeinsam mit den Bürgerinitiativen Jesuborn, Neustadt/Coburg, Großbreitenbach und Riechheimer Berg einen Flyer erstellt, in dem die Bürger über das geplante Trassenprojekt aufgeklärt werden. Es steht auch im Internet unter www.380kv.de.

Auch der Geschäftsführer der Rennsteig Kur- und Touristik GmbH, Werner Meißner, betont, dass Masserberg als industriefreies Erholungsgebiet für die Einwohner und die kranken und Erholung suchenden Menschen erhalten werden muss. „In unseren Kliniken haben wir viele Krebspatienten. Die reagieren hochsensibel auf die verschiedensten Umwelteinflüsse“, sagt er. Meißner ist sich sicher, dass Patientenbeschwerden, zum Beispiel über eine solche Starkstromtrasse, auch die Krankenversicherungen und die Kostenträger erreichen werden. Die Folge: Die Belegungssteuerung der Träger und Krankenkassen könnte an Masserberg vorbeigehen. Er schränkte aber ein, dass es bislang noch keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse hierzu gebe, was die Menschen noch mehr verunsichere.

Meißner betonte, dass sich die RKT, wie auch die Masserberger Geschäftsleute, der Bürgerinitiative in Großbreitenbach angeschlossen haben. Außerdem stünden sie hinter den Entscheidungen und Initiativen des Bürgermeisters.

Quelle Freies Wort vom 31.01.2007

 

Copyright © 2007 - 2013
Achtung-Hochspannung.de
Alle Rechte vorbehalten

©design by nineteen62