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Nichts Besseres als das Gutachten

30.10.2007 | Kein Bedarf, rechnen die Gutachter vor und machen den Bürgermeistern an der Trasse Mut.

Großbreitenbach Wie kommt die Windenergie von der Küste zu den Verbrauchern im Süden des Landes? Über eine neue 380-kV-Hochspannungsleitung durch den Thüringer Wald, meint der Energiekonzern Vattenfall. Doch deren Bedarf bezweifeln die Gegner der Trasse. Jetzt haben sie es schwarz auf weiß: Die Trasse ist überflüssig.

Zu diesem Schluss kommt das Gutachten der Forschungsgesellschaft für Alternative Technologien und Wirtschaftsanalysen (ATW), das die Anrainer-Kommunen der geplanten Südwestkuppelleitung von Vieselbach bei Erfurt nach Redwitz bei Coburg in Auftrag gegeben haben. Gestern hat es einer der Gutachter, Professor Dr. Lorenz Jarass, in Großbreitenbach seinen Auftraggebern vorgestellt: vier Landkreisen, 26 Gemeinden und drei Bürgerinitiativen aus Bayern und Thüringen.

Zum einen, so hat er ausgerechnet, reiche die vorhandene Kapazität mit den beiden Hochspannungsleitungen von Vieselbach ins hessische Mecklar und nach Redwitz in Bayern noch bis zum Jahr 2010. Vorsichtig kalkuliert, fügt er hinzu. Wahrscheinlich auch bis ins 2012 oder 2013. Jedenfalls lange genug, um die bestehenden Leitungen zu ertüchtigen, ist der Gutachter der Kommunen überzeugt.

Auf Netzverstärkung und Netzoptimierung der bestehenden Hochspannungsleitung Remptendorf-Redwitz setzt Jarass. Durch Freileitungsmonitoring zum Beispiel. Mit der Hitzeentwicklung in den Kabeln hat Letzteres zu tun, erläutert er den Bürgermeistern. Und der nachvollziehbaren Logik: Mehr Strom, mehr Hitze. Um eine Überhitzung zu vermeiden, werde deshalb der Strom, der durch die Leitung gejagt wird, begrenzt. Nur: Bei dieser Begrenzung gehe man von Extrembedingungen aus. Sommerliche Hitze zum Beispiel, bei der die 80 Grad, auf die die Hochspannungsleitungen ausgelegt sind, schneller erreicht werden als beispielsweise im herbstlichen Nebel. Aber selten herrschen 35 Grad im Thüringer Wald, wenn es an der Nordsee stürmt, gibt Jarass zu Bedenken. Würde man die Temperatur der Leitung überwachen, könnte man entsprechend mehr Strom durchleiten.

Man könnte sich an den 80 Grad in der Leitung orientieren, statt Höchstmengen festzulegen, die auf Extrembedingungen ausgelegt sind. Eine Sache von wenigen Stunden sei es, die nötigen Messinstrumente für die Netzoptimierung anzubringen, erläutert Jarass.

Eine zweite Maßnahme sei in wenigen Monaten umzusetzen: Die Aufrüstung des bestehenden Netzes mit Hochtemperaturseilen. Auf 150 bis 200 Grad seien diese ausgelegt, entsprechend mehr Energie kann mandurchleiten, ohne dass die Kabel zu heiß werden. Nur einen Nachteil gebe es: Die Übertragungsverluste würden steigen. Das falle aber kaum ins Gewicht, wenn es wie Vattenfall behauptet nur darum gehe, dieSpitzenleistungen der Windenergie zu transportieren.

In Japan seien schon 70 Prozent des Hochspannungsnetzes mit solchen Hochtemperaturseilen ausgerüstet. Auch in den USA gebe es sie bereits und selbst in Tschechien. Die wollen Geld sparen, sagt der Wirtschaftsprofessor.

Das könnte auch Vattenfall, ist er überzeugt. Höchstens ein Viertel der Neubau-Kosten würde die Netzertüchtigung kosten, wahrscheinlich sogar nur ein Sechstel. Dabei könne man mit Netzverstärkung und Netzoptimierung die mittlere Belastbarkeit um mindestens 50 Prozent erhöhen. Kurzfristig sei sogar mehr als die doppelte Übertragungsleistung möglich.

Allemal genug für die erwarteten Windenergiezuwächse, ist der Gutachter überzeugt. Denn E.ON, Vattenfall und die dena-I-Studie der Deutschen Energie-Agentur machten einen entscheidenden Fehler: Sie gehen davon aus, dass sie ihr Netz für 90 Prozent der installierten Windkraftwerksleistung ausbauen müssten. Und sie ignorierten dabei, dass die Vorschriften des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) nur den Ausbau bis zur wirtschaftlichen Zumutbarkeit fordern. Wirtschaftlich zumutbar hat Jarass schnell definiert: Der Nutzen muss höher sein als die Kosten. Im vergangenen Jahr habe der Wind aber nur eine Viertelstunde deutschlandweit so konstant kräftig geblasen, dass alle Windkrafträder im Schnitt 90 Prozent ihrer Leistung erreicht haben. Dass sich die Ausbauinvestitionen für diese Viertelstunde nicht lohnen, muss Jarass nicht weiter vorrechnen.

Wäre das Netz nur auf 65 Prozent der theoretisch erzeugbaren Windenergie ausgelegt, würde immer noch weniger als 1 Prozent der Windenergie verloren gehen, weil man sie mangels Netzkapazität nicht einspeisen kann. Auch wenn Vattenfall die Windmüller für den 1-Prozent-Verlust entschädigen würde, käme das deutlich billiger als ein  Netzausbau, hat Jarass ausgerechnet. Ein Ausbau darüber hinaus sei folglich wirtschaftlich nicht zumutbar.

Er sei selbst überrascht gewesen, wie eindeutig das Ergebnis ausgefallen sei, sagt Jarass. Es gebe überhaupt keine Vattenfall-Zahlen außer denen zu den  Windenergieprognosen. Nicht die einzige Überraschung, wie er betont. Die zweite: Er habe noch nie erlebt, dass eine so große Leitung gebaut werden soll, ohne dass der Energiekonzern eine Begründung vorlege. Ein Seitenhieb auf die Genehmigungsbehörden, vor allem das Thüringer Landesverwaltungsamt, das überhaupt nicht nach der Wirtschaftlichkeit und den Bedarf gefragt habe. Eine gigantische Verschwendung von Steuergeldern, empört er sich. Und ein Beschäftigungsprogramm für ohnehin überlastete Bürgermeister. Aber auch ein wichtiger Fakt im Falle einer Klage: Jedes Gericht wird detaillierte Begründungen anfordern, macht Jarass Bürgermeistern und Bürgerinitiativen Mut.

Die richten schon den Blick nach vorne. Vattenfall und E.On müssen ihre Anträge zurückziehen, fordert der Vorsitzende der Interessengemeinschaft Achtung Hochspannung,  Siegfried Kriese. Wenn nicht, dann werde man konsequent den Klageweg beschreiten, versichert er.

Etwas Besseres als das Gutachten kann man gar nicht in den Händen halten, freut sich auch die Großbreitenbacher Bürgermeisterin und Landtagsabgeordnete Petra Enders (Die Linke). Auch EU und Bundesumweltministerium müssten das Gutachten zur Kenntnis nehmen. Und der Landtag sei gefragt. Einen entsprechenden Antrag für das November-Plenum werde sie vorbereiten, kündigt Enders schon mal an.

Von stz-KorrespondentGeorg Grünewald

Quelle Südthüringer Zeitung vom 30.10.2007



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