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Trassenkritik: Zutritt nur ohne Meinungsäußerung

02.06.2007 | Die Gegner der Stromleitung durch den Thüringer Wald wollten am Donnerstag im Erfurter Landtag protestieren. Am Ende wurde daraus nur wenig. Stattdessen gab es acht Stunden Anhörung und Fragerunde.
ERFURT - Um halb acht morgens machte sich ein Sonderbus aus Großbreitenbach auf dem Weg nach Erfurt. Gegner der Starkstromtrasse nahmen an einer Anhörung im Landtag teil. Vorbereitet mit Plakaten und Transparenten wollten sie ihren Unwillen über das geplante Projekt zum Ausdruck bringen.

„Es blutet mir das Herz, wenn ich dran denke, wie unsere Heimat zerstört wird“, so Wolfgang Mordt aus Großbreitenbach. Der Sturm Kyrill habe doch schon gezeigt, wie verletzlich der Wald sei. Da müsse man nicht noch zusätzlich riesige Schneisen in den Wald schlagen.

Und Gerhard Behrens aus Langewiesen bangt um seine Gesundheit. „Ich gehe immer im Tal zwischen Gehren und Langewiesen spazieren. Aber mit meinem Herzschrittmacher kann ich mich dann nicht mehr unter der Leitung lang trauen.“

Aber bis in den Plenarsaal kamen die Demonstranten gar nicht. Schon vor dem Landtag wies eine Mitarbeiterin freundlich aber bestimmt darauf hin, dass sämtliche politische Meinungsbekundungen zu unterlassen seien. „Und die Anstecker können sie auch nicht tragen.“ Gemeint waren die durchgestrichenen Strommasten am Revers der Trassengegner, die deutlich zeigten, was sie von dem Projekt hielten. Es handele sich dabei eben um „eine nonverbale Meinungsäußerung“. Statt dessen gab es einen Besucherausweis und einen Platz als Zuhörer im Sitzungssaal.

Punkt neun Uhr begann die Anhörung vor dem Ausschuss für Bau und Verkehr. Erster Redner war Landrat Benno Kaufhold der sich, trotz gleicher Parteizugehörigkeit, strikt gegen die Pläne von Minister Andreas Trautvetter (Bau und Verkehr) zum Bau der Höchstspannungsleitung aussprach. Zum einen sei eine starke Beeinträchtigung des Tourismus in der Region zu erwarten, zum anderen stelle eine solche Freileitung einen erheblichen Eingriff in die Natur dar und konterkariere somit den Zweck des Naturparks Thüringer Wald. Der aufkommende Applaus von Seiten der Zuhörer veranlasste die Ausschussvorsitzende Doht, zur Ordnung zu rufen.

Einige Redner später verursachte die Nachfrage eines Ausschussmitglieds erneut Emotionen unter den Gästen. Im Thüringer Wald stehe doch sowieso nur Nutzholz, das einmal abgeholzt würde. Warum man sich denn deswegen so aufrege? Die darauf folgenden Buh-Rufe zeigten, was die betroffenen Bürger davon hielten.

Gehrens Bürgermeister Ronny Bössel bemängelte, die geplante Stromtrasse führe viel zu nahe am Wohngebiet Karl-Marien-Höhe vorbei. Somit befürchte er nicht nur eine Gefahr für die Umwelt, sondern auch für die Gesundheit – nicht nur für die Stadt Gehren.

Es folgten Vertreter verschiedener Gemeinden aus ganz Thüringen und dem Coburger Raum. Und sie alle sahen sich und die Natur durch die geplante Stromleitung bedroht. Forderungen nach Erdverkabelung und einer Tunnellösung wurden ebenso geäußert, wie eine erneute und unabhängige Studie, die die grundsätzliche Notwendigkeit der Trasse erörtern sollte.

Angesprochen auf ihre Erwartungen an die Anhörung erklärte Kerstin Münch aus Großbreitenbach, sie hoffe, dass sich die Abgeordneten endlich intensiver mit dem Thema auseinandersetzen würden. „Wenn ich mir die geplante Trassenführung anschaue, dann bekomme ich Angst. Da hätte ich die Stromleitung quasi direkt vor der Haustür. Das kann doch nicht sein.“ Am liebsten wäre ihr es aber, wenn die Stromleitung überhaupt nicht käme.

In der zweiten Anhörungsrunde, kamen unter anderem die Vertreter des Energiekonzerns zu Wort. Sie erklärten, dass die Gesetzgebung entschieden habe, das bestehende Stromnetz müsse erweitert werden, um künftigen Energiemengen gewachsen zu sein. Sie stützten sich dabei vor allem auf eine Studie der Deutschen Energieagentur (dena).

Interessant wurde es noch einmal, als Wolfgang Neldner ans Rednerpult trat. Der Geschäftsführer von Vattenfall Europe Transmission, dem Betreiber der geplanten 380kV-Leitung, erklärte, er könne „ja nichts dafür, wenn das so von der Politik entschieden werde“. „Ich führe nur das aus, was die Gesetze verlangen“, so Neldner weiter. Man sah deutlich, wie sich die Gesichter in den Zuschauerreihen bei diesen Worten verfinsterten. „Zum Glück mussten wir die Jacken und Taschen am Eingang abgeben“, sagte ein Zuhörer, „womöglich wäre dem Kerl sonst etwas entgegen geflogen.“

Auf kritische Nachfragen von Petra Enders, selbst Mitglied des beratenden Ausschusses, wich Neldner entweder aus oder pochte noch einmal auf die Gesetzeslage, nach der erneuerbare Energien ins Stromnetz eingespeist werden müssten. „Dafür sind nun mal neue Leitungen nötig.“

Am Ende zeigten sich beide Seiten mit dem Verlauf der Anhörung zufrieden. Man habe noch einmal seinen Standpunkt darlegen können. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit wurde weiter getagt. Für die Demonstranten hieß es raus aus dem Landtag, Anstecker an die Brust und ab nach Hause. Es bleibt ihnen die Hoffnung, dass ihre Bedenken Gehör gefunden haben. Und Petra Enders erklärt „Ich war zufrieden heute und hoffe, dass man sich in unserem Sinne entscheidet. Und wenn nicht, dann müssen wir eben klagen.“

Quelle Freies Wort vom 02.06.2007 VON THOMAS PRÜFER


 

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