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Gegner der Stromtrasse schöpfen Hoffnung

01.06.2007 | Gegner der Stromtrasse schöpfen Hoffnung aus Planungsdifferenzen zwischen Vattenfall und Eon
VON REDAKTIONSMITGLIEDJENS VOIGT
Gelegentlich sind auch Regierungsmitglieder nicht frei von Schadenfreude. „Wenn’s noch ein Jahr länger dauert“, frotzelte Landesbauminister Andreas Trautvetter kürzlich, „hab’ ich kein Problem damit“.

Gemeint war die merkwürdige Diskrepanz zwischen propagierter Dringlichkeit für die Hochspannungstrasse durch den Thüringer Wald und dem tatsächlichen Planungstempo: Weder für den Abschnitt von Altenfeld (Ilm-Kreis) bis zur Grenze nach Bayern, noch für die Weiterführung bis Redwitz sind bislang Raumordnungsverfahren beantragt. Damit dürfte das ehrgeizige Ziel von Wolfgang Neldner, Geschäftsführer der Vattenfall-Netztochter, spätestens 2008 die so genannte Thüringer Strombrücke ans Netz zu schalten, nicht mehr zu halten sein. Fragt man bei Vattenfall nach den Gründen der Verzögerung, wird unter anderem auf noch laufende Diskussionen zur Übergangsstelle von Thüringen nach Bayern verwiesen. Klingt unspektakulär, und ist doch spannender als man denkt. Mehr noch: Hier könnte der Punkt liegen, um zumindest den Naturpark-Gebiet auszuhebeln.

Hier Donau-,
dort Tonnenmasten

PDS-Landtagsabgeordnete Petra Enders aus Großbreitenbach fordert, neben unabhängigen Gutachten die zweite Dena-Studie abzuwarten. Sie soll den Netzausbau bis 2030 kalkulieren. FOTO: ari
Denn Vattenfall auf hiesiger Seite und Eon in Bayern wollen zwar beide die „Südwestkuppelleitung“ bauen. Aber technisch unterschiedlich: Während Vattenfall mit bis zu 70 Meter hohen „Tonnenmasten“ für maximal vier Stromkreise den Thüringer Wald queren will, plant Eon mit „Donaumasten“, die nur zwei Systeme tragen können. So steht es nicht nur auf der Website des Unternehmens, sondern so wurden und werden die Trassenpläne auch in den betroffenen Kommunen vorgestellt. „Hätte Eon uns auch noch diese Monster-Maste wie Vattenfall vorgesetzt, wäre endgültig der Teufel los“, ist sich zum Beispiel Sonnefelds Bürgermeister Rainer Marr sicher.

Vier Systeme bis zur Grenze, danach nur zwei, das kommt für Wolfgang Trommer von der Interressengemeinschaft „Achtung Hochspannung!“ einer Teil-Sackgasse gleich: „Zwei Stromkreise von Vattenfall enden demnach im Nirwana.“ Der Diplomingenieur für Netz- und Kraftwerkstechnik hat etliche alte Studienkollegen zu Rate gezogen, doch die wussten auch keine Erklärung: „Wenn vier Stromkreise ankommen, müssen auch vier wieder raus.“ Wenn Eon aber tatsächlich nur zwei Systeme für nötig erachtet, kommt aus Sicht der Trassengegner die Basis des ganzen Projekts ins Rutschen. Dann nämlich könnte auch die bestehende Verbindung von Vieselbach nach Remptendorf (Saale-Orla-Kreis) von jetzt zwei auf vier Stromkreise erweitert werden, dito die Leitung von Remptendorf nach Redwitz

Vattenfall will für
Zukunft gerüstet sein

So käme insgesamt quasi eine Ost-Umfahrung des Thüringer Waldes zustande, die technisch kein Problem darstellt. Denn das Höchstspannungsnetz ist schon per Gesetz so dicht gehäkelt, dass es jederzeit den Ausfall einer Hauptleitung verkraften muss. „Die Kapazität für Ersatzschaltungen während der Bauzeit ist sowohl von westlicher wie östlicher Seite vorhanden“, betont Trommer und nennt als Vorbild die erst kürzlich abgeschlossene Aufrüstung der bisherigen 220-kV-Leitung Vieselbach – Remptendorf auf 380 Kilovolt: „In den zwei Jahren lief der Strom nach Remptendorf über verstärkte Trassen in Sachsen.“ Warum also sollte es nicht möglich sein, die Zwei-System-Leitungen durch solche mit vier Stromkreisen auf den bestehenden Trassen zu ersetzen.

Die geschätzte Bauzeit dafür liege bei jeweils neun Monaten, das hat ein führender Eon-Techniker sowohl den Bürgeraktivisten als dieser Zeitung ebenso bestätigt wie die grundsätzliche Machbarkeit.

Fragt man allerdings die offiziellen Sprecher der beiden Konzerne, lehnen beide eine solche Alternative ab. Nach ihrer Beurteilung sei die berühmte „N minus eins“-Regel nicht auf monatelange Bauarbeiten gemünzt, sondern nur für Notfälle gedacht. Demzufolge müssten neue Leitungen nach und von Remptendorf neben die bestehenden gebaut werden, was aber wegen des ohnehin schwierigen Verlaufs und der Nähe zu Wohnsiedlungen unmöglich wäre. Die Trassengegner halten das Argument für vorgeschoben: Wohl eher, so Trommer, stören sich Vattenfall wie Eon daran, ihre relativ neuen Leitungen – 1992 bzw. 2006 gebaut – schon wieder abreißen zu müssen.

Die Frage indes, wie sich künftig vier bei Effelder ankommende Stromkreise mit zwei von dort wegführenden vertragen, bleibt trotzdem. Wilfried Fischer, Projektmanager bei Vattenfall, erklärt das Festhalten an den Giga-Masten vor allem mit Zukunftserwartungen: „Wir fahren zunächst nur mit zwei Systemen, wollen aber gerüstet sein, wenn der Mehrbedarf an Durchleitung aus Windenergie und Stromhandel, wie ihn die Studie der Deutschen Energieagentur (Dena) darstellt, mehr Kapazitäten erfordert.“ Schließlich, so Fischer, würde es „kein Mensch in Thüringen verstehen, wenn wir dann noch eine Leitung bauen“. Eon auf bayrischer Seite habe es diesbezüglich leichter. „Wenn dort in zehn oder zwanzig Jahren die Notwendigkeit besteht, kann zur jetzt geplanten eine weitere Trasse kommen“, meint Fischer, dies sei „in der flachen und dünn besiedelten Gegend“ wesentlich leichter als im Thüringer Wald.

Seltsamerweise aber will bei Eon genau davon niemand etwas wissen. „Unsere Planungen mit zwei Stromkreisen und 2400 Megawatt entsprechen dem, was die Dena-Studie sagt“, erklärt Sprecherin Anja Chales de Beaulieu, „daran halten wir uns.“ Überlegungen für eine weitere Leitung gebe es „definitiv nicht“.

Kopfschütteln
bei der Dena

So bleibt festzustellen, dass zwei Stromkonzerne ein und dieselbe Studie, an deren Erarbeitung sie beteiligt waren, deutlich unterschiedlich verstehen und dementsprechend planen. Wenn aber beide Schlussfolgerungen zulässig sind, stellt sich auch die Frage nach der Aussagekraft einer Studie neu, deren Verlässlichkeit über das Jahr 2010 hinaus selbst unter Energiewirtschaftlern heftig diskutiert wird. Streiter wider die Wald-Trasse – wie die PDS-Landtagsabgeordnete Petra Enders – fordern deshalb neben unabhängigen Gutachten auch, wenigstens die zweite Dena-Studie abzuwarten, die den Netzausbau bis 2030 kalkulieren soll.

Dazu gebe es bereits „Vorberichte“, tönte dieser Tage Bauminister Trautvetter, der künftige Durchleitungsbedarf durch Thüringen sei demnach „sogar noch höher“. Unsere Nachfrage bei der Dena löst dort Kopfschütteln aus: Die Folgestudie, so Sprecher Philipp Prein, sei doch erst Ende März gestartet, Ergebnisse demnach längst nicht zu erwarten. Möglicherweise habe der Herr Minister da etwas missverstanden.

Macht ja nichts. Gewisse Interpretationsprobleme scheinen in der deutschen Stromwirtschaft ja üblich.

Quelle Freies Wort vom 01.06.2007


 

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